Blick auf eine afghanische Flüchtlingsfamilie - spannende Erfahrungen

#1 von Joringel , 09.02.2018 14:40

Liebe Mitleser,
zu allererst möchte ich Euch heute von dem behinderten Sohn der Familie berichten. Es fällt mir außerordentlich schwer, Euch von dieser beeindruckenden Persönlichkeit zu berichten, denn ich möchte diesen Menschen nicht auf die Wahrnehmung "behindert" reduzieren, obwohl der Bericht viel damit zu tun hat. M. wird in diesem Jahr 18 Jahre alt. Er kam als 13-Jähriger schwer krank auf dem Rücken seines Vaters hier an. Als erste medizinische Maßnahme wurde er sofort in eine Universitätsklinik gebracht. Hier fand auch ein Gespräch mit einem Dolmetscher statt, wo ihm und seinem Vater die Notwendigkeit der bevorstehenden Operation erläutert wurde. Dann musste der Vater wieder zurück in das Aufnahmelager und hatte auch nicht die Mittel, seinen Sohn zu besuchen. Außer dieser einen Aufklärung in der Muttersprache Dari konnte er in den darauffolgenden Wochen mit niemanden sprechen. Er wusste nicht, was warum mit ihm gemacht wurde und wie lange es dauern würde. Als ich M.ungefähr zwei Jahre später kennenlernte, sprach er schon gut Deutsch und arbeitete in einer Schule für behinderte, junge Mensch auf den Hauptschulabschluss hin, den er natürlich auch als Bester erreichte. Zu dieser Zeit bangte er um seine Mutter und seine Geschwister, die Vater und Sohn ohne Schutz zurücklassen mussten. Der übliche Weg wäre gewesen, weiterhin auf eine Schule für Behinderte zu gehen und in zwei Jahren den Realschulabschluss zu machen. M. fragte jeden nach seiner Meinung. Auch ich riet angesichts seiner körperlichen Schwäche zu dem "behindertengerechten, zweijährigen Weg" in einem entsprechenden Internat. Doch M. wollte sich - entgegen dem Rat aller - selbst erproben und erfahren, was an der Inklusion dran ist. Nach nur einem halben Jahr hat er nun schon wieder ein Vorzeigezeugnis mit den höchsten Noten in Mathe und Naturwissenschaften. Englisch und Deutsch machen ihm noch in Bezug auf das Schulniveau zu schaffen. Die Klassenlehrerin rät zum Besuch eines beruflichen Gymnasiums. Doch M. will es nun wieder wissen. Doch das erste Oberstufengymnasium hat gar keinen Aufzug. Das Zweite hat Hebebühnen, die verunsichern, weil auch Niemand weiß, wie sie benutzt werden. Bisher hat sie noch niemand gebraucht. Um bestimmte Räume aufzusuchen, muss er um das Schulgebäude außen herumfahren. Wenn er dann ankommt, hat der Unterricht vermutlich schon angefangen. Die Behindertentoilette wird als Raum für Putz-Utensilien genutzt, der Schlüssel war am Tag der offenen Tür nicht aufzufinden. Aber es gibt ja noch eine dritte Option. Hier liegt den Schwerpunkt auf den so genannten "weichen" Fächern, Deutsch, Englisch, Politikwissenschaft. Das schaffst Du nicht, sagt die Klassenlehrerin. Und was sagen wir - die Betreuer? Wir unterstützen ihn jetzt. Wenn es nicht sofort klappt, könnte er die 11. Klasse noch einmal wiederholen oder immer noch auf das berufliche Gymnasium gehen. Erwähnenswert erscheint mir noch, dass die derzeitigen Mitschüler in der Realschule trotz Rabaukenalter sehr hilfsbereit sind. Sie halten ihm die Türen auf und gehen auch schon einmal mit zur Toilette.
Unser Optimismus in Bezug auf die Schullaufbahn kommt von M. selbst. Wir sind beeindruckt, wie er alles durchdenkt und dann auch durchzieht.
Doch wie geht es seiner älteren Schwester, die mit Sondergenehmigung gleich in die 11. Klasse kam? Da sie sehr ehrgeizig ist, konnte sie es zu Anfang nur schwer verkraften bei den Noten hinten an zustehen. Inzwischen schreibt sie in den mathematisch naturwissenschaftlichen Fächern gute bis sehr gute Noten. Sie hat zusammen mit anderen in der Oberstufe Spanisch als dritte Fremdsprache anfangen müssen und ist da auf dem gleichen Niveau wie die anderen. Deutsch, Englisch, Geschichte sind noch sehr schwer aber, das ganze Lehrerkollegium ist sich einig, dass sie das Abitur schafft, wenn sie die 11. Klasse noch einmal wiederholt.
Ihre jüngere Schwester ist jetzt in der 9. Klasse. Neulich sagte sie mir: Meine Lehrerin nimmt mich jetzt härter ran. Sie stellt mir Fragen und dann muss ich im Unterricht was sagen. ICH FINDE DAS GUT! ICH MUSS MICH DARAN GEWÖHNEN NORMAL BEHANDELT zu werden. Im Gespräch sagten wir ihr neulich, Du musst mal alles aufschreiben, was Du in Deinem Leben erlebt hast, damit Du es nicht vergisst und später Deinen Kindern erzählen kannst. Antwort: DAS VERGESSE ICH NIE!
Und der Kleinste? Er hat noch kein richtiges Zeugnis, aber ca. 20 Eigenschaften werden bewertet, wie - beteiligt sich am Unterricht. kann fließend lesen. kann im Zahlenraum bis...rechnen, hat seiner Unterlagen in Ordnung usw. Ihr erratet es schon: Überall die beste Bewertung.
Und jetzt haben wir einen "Heimatminister", der vermutlich stolz darauf sein wird, wenn er die Abschiebestatistik hochschrauben kann. Joringel ist unruhig, wir hoffen, dass die fast perfekte Integration der Kinder zählt.
Euer Joringel


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zuletzt bearbeitet 09.02.2018 | Top

RE: Blick auf eine afghanische Flüchtlingsfamilie - spannende Erfahrungen

#2 von turmfalke , 09.02.2018 17:05

Lieber Joringel!

Du solltest nicht unruhig sein. Die Familie wird jetzt nicht mehr abgeschoben. Bei der großartigen Geschichte, die sie erlebt haben, wären sie zumindest ein Härtefall! Außerdem weisen die guten Schulnoten darauf hin, dass sie einmal in Deutschland Aufgaben übernehmen werden, die wir in unserer Gesellschaft gebrauchen können.

Ich wäre da zuversichtlich, trotz all dem Zynismus, der in der offiziellen Denke mancher einflussreicher Leute verborgen steckt: Wir brauchen ein Einwanderungsgesetz, um Leute ins Land zu holen, die für uns nützlich sein können, um unseren Fachkräftemangel zu überwinden. Aber wir wollen keine Zuwanderung, die unsere Sozialsysteme belasten würden. Sprich: Die Nützlichen sind willkommen, die Anstrengenden sollen weg bleiben! Mit meinem vom christlichen Glauben geprägten Menschenbild stimmt dies Denken nicht überein.

Gut, dass du dich für die afghanische Familie engagierst!

Grüße!

Turmfalke


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RE: Blick auf eine afghanische Flüchtlingsfamilie - spannende Erfahrungen

#3 von Robin , 01.05.2018 12:39

Lieber Joringel!
Ich bin lange Zeit nicht dazu gekommen, ins Forum zu sehen. Nun lese ich die Einträge vor allem zu Deiner afghanischen Familie nach. Kannst Du einen neuen Bericht geben oder jedenfalls sagen, wie es juristisch weitergeht? Afghanistan ist ja ein terrorisiertes Land, in das man wirklich niemanden zurückschicken kann.
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RE: Blick auf eine afghanische Flüchtlingsfamilie - spannende Erfahrungen

#4 von Sunny , 02.05.2018 07:25

Hallo Joringel

Ich wünsche der Familie alles Gute und viel Kraft. Ich hoffe Sie darf hier ihre Zukunft leben.
Es ist schön wie du dich für die einsetzt.

LG Sandra

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RE: Blick auf eine afghanische Flüchtlingsfamilie - spannende Erfahrungen

#5 von Joringel , 03.05.2018 14:09

Liebe Freunde,

vielen Dank für Euer Nachfragen. Es ist noch nichts gerichtlich entschieden. Der Anwalt sagt, es werden jetzt laufend Verfahren mit afghanischen Flüchtlingen durchgeführt, aber "wir" sind noch nicht aufgerufen. Doch das kann täglich passieren. Der Anwalt beruhigt uns, in einer Vorprüfung hatte das Gericht bereits entschieden, dass "die Klage berechtigt und aussichtsreich sei."

Der Familie geht es soweit gut. Jorinde und Joringel finden, dass sie durch die Wohnung Würde bekommen haben, Menschenwürde. Sie können die Tür hinter sich abschließen und ganz für sich sein. Wenn wir zusammenlernen, sitzen wir in der recht großen Küche am Küchentisch. Das Wohnzimmer, in dem auch die Eltern schlafen, betreten wir nicht. Im Sperrmüll hatten sie einen großen, gewebten und gut erhaltenen Perserteppich gefunden, Jorinde hat noch einen sehr schönen Wandteppich aus dem Iran aufgetrieben, alles zusammen erweckt Heimatgefühle.

Die vielen Anschläge in Afghanistan wühlen die Familie, insbesondere die Eltern, auf. Vor ca. 1/2 Jahr ist ein Cousine umgekommen.

Der kranke Sohn strebt energisch nach Inklusion, trotz seiner absoluten, physischen Schwäche. Er hat bereits erreicht, mit Unterstützung seiner Klassenlehrerin, ebenfalls ein normales Gymnasium besuchen zu dürfen. Seine ältere Schwester, die so sehnsüchtig nach einem Studium strebt, muss jetzt die 11. Klasse wiederholen. Das ist mit dem Schulamt auch so abgesprochen. Sie kann dem Unterricht jetzt sehr gut folgen, vor einem 3/4 Jahr sah das noch ganz anders aus. In Mathe, Chemie und Spanisch hat sie so gute Noten, wie "normale" Schüler auch, Deutsch und Englisch wird noch nicht bewertet. In den Sommerferien will sie sich in einem Marathon auf bessere Leistungen in Deutsch und Englisch vorbereiten. Aber die in Frage kommenden Bildungseinrichtungen haben in dieser Zeit auch geschlossen. Jorinde und eine zweite Unterstützerin mit sehr viel Power haben eine sehr geeignete Nachhilfelehrerin gefunden. Es existiert schon ein sorgfältig ausgearbeitet Lernplan. Jetzt läuft ein Antrag bei einer Stiftung auf die höchste Fördersumme für einen besonderen Bedarf. Ideal ist, dass der junge Mann mit dem schwerem Handicap und die ältere Schwester dann in die gleiche Klassen kommen. Das lernen wird also effizienter.

Die jüngere Schwester ist zur Zeit auf Klassenreise in England. Als Nicht-EU-Bürgerin brauchte sie besondere Dokumente.

Der Jüngste der Familie wird jetzt 9 Jahre alt, sieht aber aus wie 6 oder 7 Jahre und ist einen Kopf kleiner als alle anderen. Aber er ist sehr beliebt. Obwohl die Schule nur ca. 300 m entfernt ist, wird er immer von einem Familienmitglied hingebracht und abgeholt. Seit neuestem (Frühling!) können die Kinder der anderen Mieter im großen Innenhof spielen. Der kleine Däumling hat sich zu Anfang nicht hinausgetraut, aber jetzt lockt es ihn doch auch hinaus. Durch einen Blick aus dem Küchenfenster, können die Familienmitglieder ihn immer sehen.

Manchmal fragen wir uns als betreuende Familien, wie andere Flüchtlingsfamilien ohne solche Unterstützung die vielen kleinen und großen Hürden des Alltags hier bewältigen?
Nur drei Beispiele: Die Mutter nimmt Tabletten gegen eine lebensbedrohliche Krankheit. Aus Unkenntnis nimmt sie sie nur, wenn sie sich nicht gut fühlt. Bei einem Besuch der Betreuer beim Arzt (eine schriftliche Einnahmeanweisung gibt es nicht!!!) wird klar, dass die Tabletten regelmäßig täglich genommen werden müssen.

Der kranke Sohn hat auf den Behindertentransport zur Realschule verzichtet, weil er erproben wollte, ob er auch alleine klar kommt. Durch den Umzug in einen anderen Stadtteil ist der Schulweg aber viel komplizierter geworden. Das Sozialamt zahlt nicht mehr, weil er ja bewiesen hat, dass es ohne Transport geht. Durch Erforschen der rechtlichen Grundlagen und des richtigen Weges zur Rückerlangung dieser Leistungen, kann erneut ein regelmäßiger Transport erwirkt werden. Dabei wirkt auch der zuständige Facharzt mit. Aus jedem seiner Worte geht hervor, wie groß seine Hochachtung vor diesem Menschenkind ist.

Die Mutter muss an der Schulter operiert werden. Der zuständige Facharzt schickt sie in ein weit entferntes Ärztezentrum (Provision oder Absprachen?). Termin ist morgens um 8,00 Uhr. Um diese Zeit fährt noch kein Bus dahin. Das interessiert den Arzt aber nicht. Eine Übernachtung im Hotel ist aus finanziellen Gründen ausgeschlossen. Daher - Transport mit einem Privatauto. Die Entlassung ist zwar zwei Tage später mittags, aber die Mutter ist noch sehr angegriffen. Eine Fahrt mit dem Bus zurück, länger als eine Stunde und mit Umsteigen wäre eine Tortur. Daher - Transdport mit einem Privatauto.

Undsoweiter...undsoweiter...

Aber Alles in Allem sieht es gut aus für diese Familie. Sie sind alle sehr aktiv, um ihre Aufgaben zu erfüllen.

Es grüßt Euch Joringel


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RE: Blick auf eine afghanische Flüchtlingsfamilie - spannende Erfahrungen

#6 von Robin , 06.05.2018 18:29

Danke, lieber Joringel, für die Fortsetzung. Ihr seid wirklich tüchtig. Andere können sich an Unterstützungsmaßnahmen bisher nur finanziell beteiligen, da anderweitig sehr gebraucht. Aber gut, dass es Euch, Jorinde und Joringel und weitere aktive Helfer, gibt!
Robin


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RE: Blick auf eine afghanische Flüchtlingsfamilie - spannende Erfahrungen

#7 von Joringel , 08.05.2018 11:13

Lieber Robin,

Danke generell für Dein Interesse. Allerdings geht es hier wohl um eine wirklich besondere Familie, die auf Grund ihres Schicksals und ihrer langen Trennung sehr, sehr fürsorglich miteinander umgehen. Gute Freunde, die auch sehr engagiert sind, haben mir auch schon von Enttäuschungen berichtet. Aber im Grunde geht es immer um die Chancen , die ein Mensch bekommt. Etwas daraus machen muss er dann selbst. Und auch Vorbilder sind wichtig. Das kann man wahrscheinlich nicht alles in einem Integrationskurs eingetrichtert bekommen. Paten und Patinnen können da sicher einiges bewirken. Meine Jorinde zum Beispiel wird von den Frauen bewundert, weil sie manchmal einen größeren Lieferwagen fährt. Dann kommen Fragen wie: Kann eine Frau wirklich auch Autofahren lernen? Ist das sehr schwer?

Bleib "uns" gewogen!

Joringel


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