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RE: Experiment

#16 von turmfalke , 17.11.2015 14:51

Lieber Wilfried!

Hochachtung! Deine Schilderung lässt mich schmunzeln. Dazu kommt Bewunderung, aber auch ein großes Fragen. Wie war Dir dieser Auftritt möglich? Im Stäflingsanzug in der Öffentlichkeit zum 25 jährigen Dienstjubiläum!!!

Gut, dass du dich nicht weggeduckt hast! Und gut, dass du überhaupt hingegangen bist. Dir stand die Ehrung zu wie den Anderen auch; für Deine Standfestigkeit als Mitarbeitervertreter erst recht

Viele Grüße vom Turmfalken


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RE: Experiment

#17 von wilfried , 17.11.2015 23:21

@ Joringel,


ganz lieben, herzlichen Dank !

Der Zuspruch tat und tut gut. Daß da doch noch etwas Positives ist.
Du hast es so gut ausgedrückt, das mit der Selbstachtung und der Achtung.

Auch in der Kirche sprachen mich 4 Menschen direkt darauf an, freuten sich ausdrücklich darüber, daß ich augenscheinlich noch immer nicht aufgegeben hätte.

Dann war da noch die Würdigung meiner Arbeit, vor ca. 300 Menschen ausgesprochen.
Ein ermutigendes Zeichen, denn zurücknehmen lässt sich so eine Kurzlaudatio nicht so einfach.

Bausteine für die Selbstachtung.

Ich danke allen - und ganz besonders aber auch Euch hier im Forum.

 
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Möglich

#18 von wilfried , 18.11.2015 01:01

Zitat von turmfalke im Beitrag #16
aber auch ein großes Fragen. Wie war Dir dieser Auftritt möglich? Im Stäflingsanzug in der Öffentlichkeit zum 25 jährigen Dienstjubiläum!!!



Lieber Turmfalke,


Mobbing ist weit schlimmer als ein Spießrutenlauf in der Öffentlichkeit.

Von daher - nach all dem, was hinter mir liegt - war es noch die leichteste Übung, einen guantanamo-orangen Original-Sträflingsanzug bei der Firma Bob Barker Gefängnisbedarf in den USA zu besorgen und zu dem Jubiläumsgottesdienst anzulegen.

Nicht nur das, auch schon zuvor, am Tage des offiziellen Jubiläums und eine Woche darauf arbeitete ich in dieser Kluft und diese wurde überwiegend als farbenfroh und elegant angesehen. Ich arbeite nun einmal in der Seniorenbetreuung und die älteren Herrschaften konnotieren nicht so sehr "Gefängnis" und "Menschenrechtsverletzungen" mit orange wie die jüngere Generation, die stärker von den Bildern aus Guantanamo und dem nahen Osten beeinflusst worden sein dürfte.
Lediglich zwei jüngere Kollegen meinten, ich sähe aus wie direkt aus einer Strafanstalt entsprungen.

Den inneren Kampf, es tatsächlich vor einer großen Öffentlichkeit mit Presseberichterstattung "durchzuziehen", habe ich ja schon beschrieben; leicht ist es mir wirklich nicht gefallen, selbst, wenn es von außen so gewirkt haben sollte.
Vielleicht war es eher der Mut der Verzweiflung.

Dein Schmunzeln freut mich.
Ganz sicher hat das farbenfrohe Bild mehr als einen Menschen zum Nachdenken bewegt.


Herzliche Grüße
Wilfried


 
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RE: Möglich

#19 von Joringel , 18.11.2015 09:58

Hallo, Wilfried, wenn das Bild schon in der Öffentlichkeit war, kannst Du es dann nicht auch einscannen und uns zeigen?
Vielleicht sollten wir alle mal vor den Toren der EKD in solchen Anzügen demonstrieren, die Presse einladen und gegen Mobbing in der Kirche protestieren. Die Betroffenen sind im Gefängnis der Machenschaften ihrer Vorgesetzten (Bosse) und ihres Gefolges. Du hast wirklich eine gute symbolische Darstellung für die Öffentlichkeit gefunden, wenn man darüber nachdenkt.
Für Deinen Mut grüßt Dich dankbar
Joringel


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RE: Möglich

#20 von azalee , 18.11.2015 12:03

Liebe Joringel,
eine gute Idee!!


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Öffentlichkeit

#21 von wilfried , 19.11.2015 02:50

Zitat von Joringel im Beitrag #19
Hallo, Wilfried, wenn das Bild schon in der Öffentlichkeit war, kannst Du es dann nicht auch einscannen und uns zeigen?




@ Joringel,


es handelt sich um ein Gruppenfoto und in der Zeitung werden Roß und Reiter benannt.
Es geht mir da auch um die Persönlichkeitsrechte vieler anderer Menschen.
Bitte habe Verständnis, daß ich das Foto hier nicht verlinken oder posten mag.

Zudem: Mein Arbeitgeber bedienst sich üblicherweise eines der besten Rechtsbeistände der Stadt.
Ein ernstzunehmender Gegner und sehr gerissen, wie Ihr zuvor schon lesen konntet.
Es könnte teuer für mich werden, wenn ich irgend einen Fehler begehe.

Und noch eines: Es wäre ja schön, wenn doch am Ende ein gedeihlicher Umgang entstünde, wie er früher, bei anderer Leitung, ja einmal bestand. Da ist es vielleicht nicht angebracht, meinen Arbeitgeber sozusagen öffentlich an den Internetpranger zu stellen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.


In der Bibel steht aber: Suchet, so werdet Ihr finden ...




Für frühere Öffentlichkeitsauftritte nutzten wir von der Fachgruppe bei Ver.di übrigens mehrfach Schandbretter, die sind auch ein echter Hingucker und mit einer Beschriftung wie z.B. "Gesundheitsreform" versehen verstand auch Angela Merkel sogleich, was wir meinten.
Mit der Bechriftung "Mobbing" sehe ich sie ähnlich wirksam.
Leicht zu fertigen und das Pressefoto ist einem sicher ...


 
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Lesezeichen

#22 von wilfried , 21.11.2015 02:56

In eigener Sache setze ich hier ein Lesezeichen.
Ich nehme an, daß nach meinem heutigen Kurzbesuch in einem Krankenhaus sich innerbetrieblich unrichtige Gerüchte verbreiten könnten.

Daher holte ich direkt nach meiner Entlassung nach ca. 45 Minuten mein KFZ vom Parkplatz an meiner Dienststelle ab und meldete mich zu Hause noch einmal telefonisch vom Festnetz aus bei meinen Kolleginnen.

Destabilisiert hatten mich, verkürzt gesagt, eine Abmahnung gegen eine Kollegin, die nach meinem Kenntnisstand jeder Grundlage entbehrt und das Verschwinden eines Diensttelefons. Gegen das schlechte Gefühl, ebenfalls eine Abmahnung bekommen zu können, erbat ich eine genaue Arbeitsanleitung für den Bereich, auf dem die Kollegin gearbeitet hatte und abgemahnt worden war.
Die Arbeitsanweisung bekam ich auch, gleichzeitig wurde deutlich, daß die Arbeitsanweisungen sich nicht geändert hatten, ergo die Kollegin sich richtig verhalten hatte und demnach zu Unrecht abgemahnt worden war.

Die Geschichte mit dem Telefon schreibe ich später, jetzt soll erst einmal das Lesezeichen reichen, ich sollte jetzt erst einmal schlafen und mich bei Tage um meine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bemühen.


 
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RE: Lesezeichen

#23 von azalee , 22.11.2015 18:34

"Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich- DANN GEWINNST DU "
Diese Aussage wird Mahatma Ghandi zugeschrieben


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RE: Lesezeichen

#24 von Joringel , 23.11.2015 10:35

Lieber Wilfried,

ich entnehme Deinem Lesezeichen, dass Du von einer ungerechte Abmahnung für eine Kollegin erfahren hast. Um sicher zu gehen, hast Du den Sachverhalt noch einmal überprüft und bist noch einmal zu demselben Schluss gekommen. Die Situation Deiner Kollegin nimmt Dich sehr mit, weil sie Dich an erlittenes Unrecht und fiese Methoden erinnert. Das zeigt, wie tief diese deprimierenden Erfahrungen Dein Leben geprägt haben und immer noch prägen. Ganz selten kommt ein Boss in eine vergleichbare Situation. Aber es passiert - und dann erst versteht er oder sie, was Mobbing bedeutet.
Zunächst einmal hoffe ich, dass die Abmahnung eine Fehlleistung war und nicht gleich den Anfang einer bösen Geschichte darstellt.


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RE: Lesezeichen

#25 von turmfalke , 23.11.2015 11:26

Lieber Wilfried!

Du bist mutig und umsichtig gewesen. Als du erfahren hast, dass deine Kollegin von einem beginnenden Mobbing bedroht war, wolltest du Genaueres wissen. Ich vermute, es ging Dir auch darum, möglicherweise der Kollegin den Rücken stärken zu können. Das finde ich tapfer.

Dabei hast du aber gleichzeitig die Mobbingtäter demaskiert und hast der Gewalt direkt ins Gesicht gesehen. Dabei hast Du möglicherweise auch Dich selber gefährdet. Nun kann es wieder heißen: Der "Wilfried" ist unbequem! Er muss weg!

Hast Du Dich davor erschrocken?

Ich könnte das sehr gut nachvollziehen. Es geht aber nicht ohne Kampf.

Du mußt dabei selber sehen, wieviel du aushalten kannst. Wenn Du vor Anspannung nicht schlafen konntest und deshalb am anderen Tag müde warst, dann war es sicherlich richtig, nicht zur Arbeit zu gehen.

Kann man deine Erafhrung deuten als ein Alarmsignal? Etwa so wie bei körperlichen Schmerzen. Wer Schmerzen hat, der erfährt dadurch, dass etwas in seinem Körper nicht stimmt und dass er möglicherweise krank ist. So geht es Dir mit Deiner Seele. Die tieferen Schichten Deines Gehirns geben Dir vermutlich ein Signal. Darauf solltest Du achten.

Wie wird es jetzt weitergehen? Wirst Du Dich jetzt weiter ausruhen und versuchen Dich auszukurieren? Oder wirst Du versuchen, so bald wie möglich wieder auf die Beine zu kommen? Dann könntest Du Deinem Arbeitgeber zeigen, dass Du Dich nicht unterkriegen lässt.

Alles Gute! Turmfalke


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Wieder an Bord

#26 von wilfried , 10.12.2015 02:59

Ich bin wieder an Bord.
Ich danke Euch.
Die vergangenen Wochen hatte ich mich völlig von allem zurückgezogen; es ist richtig, die Alarmzeichen waren da und daher "dachte ich weg".
Also nicht hindenken.


Doch der Reihe nach:
Das mit der Abmahnung hatte ich schon beschrieben.
Dann kam die Sache mit dem Telefon.

Und: Mir ist bewußt, niemand wollte m i c h mobben.

Also, das Telefon.
Die Kollegin war krankgeworden, der Abmahnung wegen und hatte nund hat auch mein vollstes Verständnis. Mir war bewußt, daß die verbleibende Kollegin und ich die verbleibende Arbeit im Nachtdienst unter uns aufteilen müssten, daher begab ich mich verfrüht auf meine Arbeitsstelle und traf auch meine Kollegin im Eingang, die ebenfalls auf das Öffnen der Haustür wartete.

Wir teilten also kurz das Haus unter uns auf und begaben uns beide ca. 45 Minuten vor unserem offiziellen Arbeitsbeginn an die Arbeit, um einem Arbeitsstau aus dem Tagdienst vorgreifen zu können, ich nenne dieses Phänomen gerne die "Bugwelle" zu Dienstbeginn, wenn man die verständlicherweise nörgeligen Seniorinnen und Senioren beruhigen, zu Bett bringen, ihnen zuhören muß, weil wieder einmal sie sich nicht verstanden fühlten, weil sie das Gefühl hatten, daß man keine Zeit für sie hatte, daß man ihnen nicht zuhörte.
Das beansprucht manschmal viel Zeit, lohnt sich aber, der Menschen wegen und, ich gestehe es gern, auch für mich, denn dann, und nur dann, habe auch ich eine gute Nacht mit den Menschen, die dann nicht "wegen jedem Pups" schellen.


Doch wieder der Reihe nach:
Die Kollegin aus dem Tagdienst öffnete das Haus und gab meiner Kollegin ein Telefon. Ich streckte meine Hand aus und erbat auch ein Telefon, das mir die Kollegin mit den Worten reichte:
"Aber dann habe ich ja keines mehr."
Ich sagte daraufhin zu, daß ich dann der Auszubildenden, die als Verstärkung für die Nacht kommen werde, die Tür öffnen würde.

Ging an die Arbeit, bediente Schellen, die durch die überforderte Kollegin aus dem Tagdienst nicht bedient wurden.
"Ich schaffe gerade noch die Spritzen, die erste Etage ist schon seit 20,30 Uhr ohne Besetzung und alles schellt." -waren ihre Worte.

Ich also an die Schellen, brachte Leute zu Bett, bediente die, die sonst um 21,30 Uhr nach der Übergabe höchst berechtigt ungehalten wären, zur beiderseitigen Zufriedenheit.

Um 21,45 Uhr erschien dann bereits die Auszubildende und verlangte "ihr" Telefon.
Ich schaute auf die Nummer, richtig, es war "ihres", gab es ihr, aber wo war dann "mein" Telefon?
Die Tagdienstkollegin war noch da und ich fragte sie. wo denn "mein" Telefon sei.
"Das habe ich dir doch schon gegeben."
Ich sagte, sie habe mir die "42" gegeben und suchte jetzt die "41".
"Aber ich habe dir zwei Telefone geben.
"Nein, du gabst mir ein Telefon."
"Nein, Wilfried, ich gab dir zwei Telefone, als du kamst."

Es ging noch ein Weilchen, ein zweites Telefon war mir absolut nicht erinnerlich und ich rief die Kollegin aus dem Nachtdienst an, erzählte ihr kurz, ich hätte zwei Telefone bekommen.
Sie: "Hast du ja auch."
Ich konnte es mir absolut nicht vorstellen, zweifelte aber an mir selber und begab mich auf die Suche, erst in den Stationszimmern, dann im Büro der Einrichtung und dann suchte ich in allen Zimmern, wo ich bedient hatte, - und es waren nicht wenige. Störte also die Bewohnerinnen und beunruhigte sie durch meine Suche nach dem Telefon.

Man muß dazu erklären, daß man mittlerweile nach Abbau der alten Klingelanlage kaum noch zeitnah ohne Piepertelefon auf die Klingeln reagieren kann und als einmal erst zwei und dann auch noch das letzte Telefon den Geist aufgaben, hatten wir höllische Nächte. Ich hatte damals mehrfach auf die Anschaffung eines vierterten Telefons, zur Reserve, gedrungen, denn solche Nächte braucht kein Mensch.

Ich fand das Telefon nicht, mittlerweile war die Tagdienstkollegin gegangen und irgendwann rief ich entnervt wieder die Nachtdienstkollegin an, mit der ich ein gutes Verhältnis habe.
"Wenn das ein Scherz gewesen sein sollte, mit dem Telefon, wäre es jetzt der richtige Moment, ihn aufzulösen, denn ich drehe hier gerade beinahe ab."
"Ich komme mal runter und helfe dir suchen."
Wir suchten gemeinsam, erneut im Stationszimmer.
Wir gingen noch in ein weiteres Zimmer, in dem ich gearbeitet hatte, kamen heraus und ich streifte mit dem Fuß einen auf dem Gang stehenden Lifter, der nicht zusammengeklappt war, heftig mit dem Fuß, es schmerzte sehr.
Ich griff nach der Bedienung, wollte ihn zusammenfahren. Nichts regte sich.
Ich drückte "rot" zum Ausschalten, "grün" zum Einschalten. Nichts regte sich.
Das Ding war entladen und stand in diesem Zustand als Stolperfalle auf dem Gang. 140 cm breit.
Scheißverein.

Da passierte es:
Es ging mit mir durch.
Ich versuchte, das Teil durch Fußtritte zum Nachgeben zu bringen, früher waren die Dinger ja auch so aufgebaut, daß man sie manuell, also mit dem Fuß zusammenfaltete.
Das Ding, elektrisch, rührte sich nicht.
Ich trat energischer, wenn auch vergeblich, dann brachte ich das Ding im Laufschritt schiebend in ein Bad und flüchtete in einen Tagesraum, wo ich einen Weinkrampf bekam.

Meine Kollegin hatte das alles natürlich mitbekommen und machte sich Sorgen, bot mir an, einen Notarzt zu rufen, ich lehnte ab, aber sie insistierte und ich gab nach, mir war es egal.

Es dauerte natürlich nach dem Telefonat der Kollegin, bis der notärztliche Dienst den diensthabenden Arzt mit dem Taxi vorbeibrachte, es war ein mir ganz gut bekannter Arzt.
Mich wunderte zwar, daß er nicht gleich zu mir kam, man sprach in der Eingangshalle und nach längerer Zeit kam man zu mir.

Ich bekam noch Gelegenheit, die Situation aus meiner Sicht zu berichten, dann sprach der Arzt seine Diagnose "Psychose".
"Herr Doktor, entschuldigen sie bitte, aber eine Psychose habe ich nun sicher nicht."
Mein Einwand führte zu der freundlichen Belehrung, daß, wenn ich nicht "freiwillig" in die geschlossene Psychiatrie ginge, es eben mit einem Psych-KG vonstatten ginge.

Meine Gedanken rasten, vor allem: Übermorgen hätte mein Patensohn seine Geburtstagsfeier und dann könnte ich mir einen "geschlossenen" Aufenthalt gar nicht erlauben. Psychiatrie war ja in Ordnung für mich, aber bis so ein Richter erst einmal da ist, vergeht seine Zeit und bis dahin ...
also, ich entschloß mich, Diagnose Diagnose sein zu lassen und "freiwillig" zu gehen.
Aber nichts da. Nicht selber hinfahren, wie beim letzten Mal vor anderthalb Jahren aus dem Tagdienst, als nichts zu Essen da war.
Ein Krankenwagen wurde gerufen und ich unter sorgfältiger Bewachung zum Krankenhaus gefahren.
Besonders fluchtgefährdet schien ich wohl, weil auf dem Weg ohne die Möglichkeit, nach draußen zu blicken, mir schlecht wurde und ich am Krankenhaus bat, eiligst die feste Erde aufzusuchen.

Glücklicherweise wurde ich schnell im Krankenhaus aufgenommen und ein Arzt unterhielt sich ausgiebig mit mir, mit dem Ergebnis, daß ich nach 30 Minuten wieder entlassen wurde mit der Empfehlung, mich für das restliche Wochenende arbeitsunfähig zu schreiben.
Also marschierte ich die vier Kilometer zurück zu meiner Arbeitsstelle und holte mein Auto ab, fuhr nach Hause.


 
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Wieder an Bord

#27 von wilfried , 10.12.2015 03:40

Informierte noch telefonisch meine Kollegin, daß das Auto jetzt weg wäre und parierte ihre Frage "Bist Du eigentlich bescheuert?" nur mit den Worten: "Nein, bescheuert bin ich nicht."

Der Kollegin mache ich absolut keinen Vorwurf, vielleicht hätte ich genau so reagiert.
Vielleicht hätte ich auch einfach den Kollegen in vergleichbarer Lage für eine Zeit in Pause geschickt. Es ist müßig, es war wie es war und so war es wohl auch gut.
Jedenfalls war ich "raus" und hatte danach erst einmal dienstplannmäßig 14 Tage frei.

Am darauffolgenden Montag holte ich mir meine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bei meinem behandelnden Arzt für Gesprächsmedizin ab, einen weiteren Kontakt mit einem beliebigen notärztlichen Dienst für die Krankschreibung mochte ich mir gerne ersparen.
Die Bescheinigung brachte ich dann persönlich auf meine Dienststelle. erbat und erhielt ein Gespräch mit dem Einrichtungsleiter, dem ich die Begebenheit kleinteilig wie hier auch schilderte und erfuhr, daß mein erbetenes Gespräch mit dem Geschäftsführer, um das ich mehrere Tage zuvor gebeten hatte, erst am 11.12. stattfinden könne.
Das war mir natürlich sehr recht, denn bis dahin hoffte ich meinen Kopf mit ganz anderen Aktivitäten zu lüften, "wegzudenken" - was ich ausgiebig getan habe.

Und, ja, ich habe viel geschlafen, war antriebsarm, so die üblichen Anzeichen bei Überforderung, Mobbing ...

Mir ist bewußt, ich war nicht gemeint.
Weder mit der Arbeitsverdichtung, noch mit der Abmahnung, von der ich eigentlich ja gar nicht betroffen war, noch nehme ich an, daß das Telefon sich absichtlich vor mir versteckte.
Meine arme Kollegin mit der Abmahnung hatte ich noch mit der Kopie der Arbeitsanweisung versorgt, sie ihr in das Postfach gegeben. Telefonisch stand ich ihr nur für ganz kurze Gespräche zur Verfügung, ich musste mich schützen. Früher war ich mal Vorsitzender der MAV, wenn die MAV sich heute anders einsetzt, muß nicht ich das heute vertreten. Kann es auch gar nicht.

Den Rat von Leuten: "Dann müssen sie eben eine andere Arbeit annehmen." finde ich - nebenbei - wenig hilfreich und erhielt ihn zu meiner Freude im Krankenhaus auch nicht, im Gegenteil, wir sprachen noch kurz über die tariflichen Bedingungen in der evangelischen Kirche, daß ich heute, würde ich kündigen und gleich wieder die gleiche Stelle antreten, nur noch ca. 2/3 bis 3/4 meines bisherigen Einkommens hätte, das aber sowieso, im Rahmen der aufzehrenden Besitzstandswahrung, langsam sinkt.

Am Sonntag danach, also zwei Tage danach, war ich zum Ewigkeitssonntag in der meine Mutter betreffenden, also eigentlich auch meiner, Kirche, die Namen der Verstorbenen aus dem vergangenen Kirchenjahr wurden genannt, so auch der meiner Mutter, die die erste Verstorbene im laufenden Kirchenjahr war.
Der Pastor, der vor einem Jahr die Rede gehalten hatte, das Gespräch geführt, fragte mich, wie es mir gehe, er kennt meine Not und ich habe Vertrauen zu ihm, wenn ich ihn auch nur aus diesem Gespräch kenne.
Ich sagte ihm, ich könne eigentlich nur noch "Nein" sagen, müsse eigentlich konsequenterweise aus der Kirche austreten. Verlöre dann meine Stelle, müsse mich dann wieder reinklagen, was mir ohne Zweifel gelänge, weil der Tendenzbetrieb durch bewußte Einstellung von Menschen die nicht Mitglied einer anerkannten Kirche sind, längst seine Berechtigung verloren hat, bei Austritt zu kündigen.
Er meinte, ich könne ja austreten, und dann wieder eintreten.
Leider kommt, wenn, für mich nur noch ersteres in Betracht.


Im Gespräch mit meiner alten Pflegedienstleitung habe ich in der Zwischenzeit erfahren, weshalb wirklich man beschlossen hatte, mich loszuwerden.
Sie konnte das nicht nachvollziehen, sie hätte mich gerne damals "mit ins Boot" genommen, einen so aktiven Mitarbeiter gerne genutzt statt zu bekämpfen. Sie sei damals gerne in Ruhestand gegangen, es sei absehbar gewesen, daß es schwierig werden würde.

Übermorgen also mein Versuch, mit dem Geschäftsführer zu sprechen.
Daß er mich nicht mehr zu fürchten hat, eigentlich es nie hatte, denn eigentlich hätten wir ja wohl die gleichen Ziele haben sollen. Mein Gesprächstherapeut nannte es den Versuch eines beziehungstechnischen "Reset".


Als letztes:
In der Reha vor sieben Jahren wurde mir geraten, "es mal raus zu lassen" - und immer mal wieder in Beratungsgesprächen auch.
Mein "Impulsdurchbruch" führte dazu, daß ich "geschlossen" einfuhr, obwohl ich niemanden gefährdet hatte.
Ein Freund von mir, der sehr impulsiv ist, lachte, er würde bei gleichem Verhalten nie derlei erleben, seine Umwelt sei es einfach gewöhnt, daß er schimpfe und fluche und auch Dinge zerschlage.

Es ist eben nicht das Gleiche, wenn zwei das Gleiche machen ...


 
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RE: Wieder an Bord

#28 von Joringel , 10.12.2015 10:26

Lieber Wilfried,

erst einmal gut, dass Du wieder da bist und Dich artikulierst. Ich versuche mir alles vorzustellen, aber es ist nicht leicht, besonders nicht, wenn man nicht im Pflegedienst arbeitet und keine Erfahrung damit hat. Wir haben uns ja anlässlich unserer Jahresversammlung mit Traumatisierung beschäftigt. Und für mich hört es sich so an, als wenn da so etwas mitspielt. Was ich auch so von ganz außen bemerke ist, dass Du sehr hohe Anforderungen an Dich stellst. Du willst für die Menschen da sein und nicht als Fließbandarbeiter der Altenpflege funktionieren. Unter den gegebenen Rahmenbedingungen scheint es die Quadratur des Kreises zu sein bzw. das eingebaute Scheitern durch überfordernde Rahmenbedingungen. Und da ich ehrlich sein möchte - ich finde es nicht normal, irgendwelche Objekte mit den Füssen zu treten und zu schreien. Das löst auf jeden Fall Angst aus bei denjenigen, die in Deiner Nähe sind. Ich kenne ähnliche Situationen mit meinem Computer. Manchmal musste ich mich bezwingen ihn nicht aus dem Fenster zu schmeißen. Besonders, wenn ich dachte, ich habe jetzt alles richtig gemacht, und dann geht es doch schief. Ich wundere mich, dass es so viele Menschen auf der Welt gibt, die sich lustvoll mit damit beschäftigen und ein Scheitern ihren Ehrgeiz erst recht kitzelt. Aber ich hoffe trotzdem, dass ich im Innersten weiß, wann die Ampel auf Rot steht. Dann tritt § 1 in Kraft und das heißt, aus einer Situation, in der ich die Kontrolle verliere, herauszugehen, das Set zu verlassen. Zuhause kann man ja aufs Kopfkissen oder auf einen Punchingball hauen.
Ich hoffe für Dich, dass das Gespräch mit der Geschäftsleitung Dir Entlastung bringt, dass Du Dich akzeptiert und verstanden fühlst, auch wenn man es rückwirkend nicht mehr ändern kann. Ein Rest Nicht-Verstehen wird bei Deinem Gegenüber bleiben. Denn bevor einem Mobbing passiert denkt jeder, das könnte mir nicht passieren, nicht so krass. Das mußt Du einfach mit einkalkulieren.

Es grüßt Dich
Joringel


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RE: Wieder an Bord

#29 von turmfalke , 10.12.2015 22:35

Lieber Wilfried! Gehst Du morgen eigentlich allein zu dem Gespräch mit dem Geschäftsführer? Wohler wäre mir, du hättest jemanden, der dich begleitet. Dann weiß der Geschäftsführer auch, dass er dich einigermaßen fair behandeln muss. Du hättest ja für alles, was er sagt einen Zeugen. Viel Glück! Turmfalke


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gespräch

#30 von wilfried , 10.12.2015 23:42

@ joringel,

natürlich ist Gewalt gegen Pflegelifter angsteinflößend und verstörend.
Zur Klarstellung:
Bewohner waren nicht zugegen, wurden nicht gestört oder belästigt, bis auf die drei, vier Tritte ging alles leise vonstatten.
Ich schrie nicht, sondern zog mich für mein Weinen in einen Tagesraum zurück.
Es ist solches auch nicht mein übliches Verhalten.
Im Gegenteil.
Das Gespräch für morgen hatte ich allerdings vor meinem "Ausraster" und nach der Ehrung mit dem Kronenkreuz der Diakonie erbeten, man liest davon zuvor in diesem Thread.

Eine Ehrung, die ich zurückzureichen erwäge, denn eine anwesende Kollegin erhielt die Ehrung nicht, weil sie sich aus ähnlichen Gründen, die mich in "orange" drängten, nicht "vorne" in der Kirche die Ehrung entgegennehmen wollte.
Ergo erhielt sie sie nicht, obwohl ihre Leistungen ... die Ehrung doch sicher gerechtfertigt hätten. Es ist und bleibt eine Leitungsmentalität, die ich nicht nachvollziehen kann.

Es ist richtig, ich arbeite vor allem deshalb gerne im Nachtdienst, weil ich dort noch immer meinen eigenen Vorstellungen ansatzweise gerecht werden kann. Der Anspruch ist so groß nicht; ich versuche so zu arbeiten, wie ich bedient werden wollte. Das sollte dann auch im Einklang mit den hehren Leitbildern stehen, die zu studieren (Sorry, daß ich hier bitter werde) ich der geneigten Leitung herzlichst anempfehle.

In einem gesunden Betrieb ist der freundliche Gruß auf dem Weg zum Bett selbstverständlich und gehört zur Unternehmenskultur. So etwas zu praktizieren und zu schulen kostet kaum etwas und bringt viel.
Leider wird zwar noch in den Leitbildern die gegenseitige Wertschätzung formuliert, aber sie wird nicht vorgelebt.

In sofern mag ich hier noch einmal den Satz von Hans Graf von der Goltz schreiben:
"Wenn in einem Unternehmen die Loyalität von oben aufgekündigt wird, bricht sie von unten nach oben weg."

@ turmfalke,

ja, ich gehe alleine, ich hoffe ja noch immer, die beziehungstechnische Ebene verbessern zu können. Ich habe da auch kaum etwas zu verlieren. Wer nichts riskiert,hat schon verloren.

Zudem: Auch Zusagen vor großem Publikum (im Rahmen der Ausgründung von Betriebsteilen) wurden immer wieder nicht eingehalten. Was nützten mir da Zeugen?

Ich danke Euch sehr.


 
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