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Was Dietrich Bonhoeffer vielleicht zu Amerika gesagt hätte

#1 von Joringel , 10.11.2016 11:33

Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt.

Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch -, und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseite geschoben werden.

Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich.

Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind.

Diese Entdeckung machen wir zu unserer Überraschung anläßlich bestimmter Situationen. Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen. Wir beobachten weiterhin, daß abgeschlossen und einsam lebende Menschen diesen Defekt seltener zeigen als zur Gesellung neigende oder verurteilte Menschen und Menschengruppen.

So scheint die Dummheit vielleicht weniger ein psychologisches als ein soziologisches Problem zu sein. Sie ist eine besondere Form der Einwirkung geschichtlicher Umstände auf den Menschen, eine psychologische Begleiterscheinung bestimmter äußerer Verhältnisse. Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt.

Ja, es hat den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Der Vorgang ist dabei nicht der, daß bestimmte – also etwa intellektuelle – Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern daß unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und daß dieser nun – mehr oder weniger unbewußt – darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden.

Daß der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat.

Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen. Hier liegt die Gefahr eines diabolischen Mißbrauchs. Dadurch werden Menschen für immer zugrunde gerichtet werden können.

Aber es ist gerade hier auch ganz deutlich, daß nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte. Dabei wird man sich damit abfinden müssen, daß eine echte innere Befreiung in den allermeisten Fällen erst möglich wird, nachdem die äußere Befreiung vorangegangen ist; bis dahin werden wir auf alle Versuche, den Dummen zu überzeugen, verzichten müssen.

In dieser Sachlage wird es übrigens auch begründet sein, daß wir uns unter solchen Umständen vergeblich darum bemühen, zu wissen, was »das Volk« eigentlich denkt, und warum diese Frage für den verantwortlich Denkenden und Handelnden zugleich so überflüssig ist – immer nur unter den gegebenen Umständen. Das Wort der Bibel, daß die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei (Psalm 111, 10), sagt, daß die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist.

Übrigens haben diese Gedanken über die Dummheit doch dies Tröstliche für sich, daß sie ganz und gar nicht zulassen, die Mehrzahl der Menschen unter allen Umständen für dumm zu halten. Es wird wirklich darauf ankommen, ob Machthaber sich mehr von der Dummheit oder von der inneren Selbständigkeit und Klugheit der Menschen versprechen.


Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg. von E. Bethge. TB Siebenstern. Gütersloh 1985. S. 14 f.


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RE: Was Dietrich Bonhoeffer vielleicht zu Amerika gesagt hätte

#2 von turmfalke , 10.11.2016 19:48

LieberJoringel!

Welch treffendes Zitat! Es ist so, als ob Bonhoeffer direkt in die gegenwärtige Situation hinein gesprochen hätte. Aber so ist dieser Text natürlich nicht zustande gekommen.

Anhand der Stellenangabe erfahren wir, dass Bonhoeffer 1944/45, als er diesen Text schrieb, bereits in Haft war und mit dem Schlimmsten rechnen musste. Wenn er Briefe nach außen schrieb, dann musste er seine Gedanken verschlüsseln, um sich und vorallem die Empfänger seiner Briefe nicht zu gefährden. Vielleicht bleiben seine Worte deshalb so unbestimmt. Und vielleicht können wir deshalb seine allgemein gehaltenen philosophischen Gedanken so gut in andere Situationen übertragen.

Wen hatte Bonhoeffer gemeint? Vermutlich meinte er nicht Hitler selbst, wenn er von den Dummen sprach. Hitler war sicherlich auf seine böse Weise in hohem Maße intelligent. Bonhoeffer meint sicherlich das Fußvolk, die Millionen von Menschen, die Hitler seinerzeit gewählt hatten und die ihm dann willig und eben "dumm" in den Krieg folgten und der halben Welt und damit auch sich selbst Tod und Verderben brachten.

Wen meinst du also heute, wenn du uns dieses Zitat von Bonhoeffer vor Augen führst?

Ist Donald Trump "dumm" oder "intelligent"? Ich weiß es nicht! In den vergangenen Tagen habe ich exessiv Fernsehen geschaut, um die Welt besser verstehen.

Sehr intelligent fand ich die Aussagen von unserem Aussenminister Frank Walter Steinmeier. Er sprach mit eindeutiger Ablehnung über die grotesken Auftritte, die sich Trump im Wahlkampf vor den Fernsehkamaras der Welt geleistet hatte. Und dann ließ er alles offen: Wir kennen ihn im Grunde nicht. Wir kennen nicht das Team, mit dem er zusammen regieren will. Und wir wissen nicht, welche von seinen krausen Äußerungen er tatsächlich umsetzen wird.

Wird er tatsächlich Milliarden verbraten, um eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu errichten? Schwer vorstellbar, von einem Mann, der sich damit brüstet, selber keine Steuern zu zahlen. Wird er das neue Gesetz zur allgemeinen Krankenversicherung wieder ausser Kraft setzen und damit 10 Millionen Amerikaner wieder zurück in eine Sitaution des Elends stürzen? Ich kann nicht glauben, dass er das wagen wird. Oder wird er seinen mehrheitlich weißen Polizisten nun offiziell erlauben, mit Waffengewalt gegen die mehrheitlich arme Bevölkerung von Schwarzen und Hispanics vorzugehen? Das alles klingt wie ein Alptraum!

Sind die "Dummen" also die amerikanischen Wähler, die dieses Wahlergebnis auf "demokratische" Weise zustande gebracht haben? Vielleicht hast du Recht! - Aber das sagt man doch nicht öffentlich!

Von daher fand ich das Verhalten von Steinmeier gestern abend ganz vorbildlich. Warten wir also erstmal ab, wie der frisch gewählte President sich dann wirklich im neuen Amt verhalten wird.

Vielleicht beruft er ja seine Gegnerin Hillary Clinten wieder als Amerikanische Aussenministerin. Da hat sie Erfahrung. Und wenn er sie bei sich einbindet, dann kann sie ihm nach ihrer Niederlage auch nicht mehr schaden.

Warum eigentlich nicht? Sie stammen ja beide aus der gleichen amerikanischen Schicht von Oligarchen, die vorallem ihren eigenen Vorteil im Auge haben.

Und von Hillary sagt man, dass sie ein Kriegstreiberin sei. Es hat sich für amerikanische Presidenten schon immer als günstig erwiesen, wenn sie die innenpolitischen Probleme nicht lösen konnten, dann irgendeinen Feind von außen zu bekämpfen und damit die amerikanische Nation wieder zu einen.

Wahrscheinlich bin ich aber zu dumm, um das alles zu verstehen.

Viele Grüße!

Dein Turmfalke


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RE: Was Dietrich Bonhoeffer vielleicht zu Amerika gesagt hätte

#3 von Robin , 10.11.2016 20:47

Lieber Joringel!
Immer wenn ich Bonhoeffers Worte lese (aus der Schrift: "Nach zehn Jahren" in: Widerstand und Ergebung), kommt mir meine Mutter in den Sinn. Wenn zu Hause das Gespräch auf die Nazis kam, schlug sie ihre Hände vors Gesicht: "Du glaubst ja gar nicht, wie dumm die Menschen sind!" Sie meinte, denke ich, genau diese Dummheit, von der Bonhoeffer schreibt, das Fußvolk des "Dritten Reiches".
Doch, lieber Turmfalke, Hillary Clinton möchte ich in Schutz nehmen. Sie ist in einer Weise schlecht gemacht worden und ihr wird Böses nachgesagt, das sie nicht verdient. Eine "Kriegstreiberin"? Jemand, der es nur auf den eigenen Vorteil ankommt? Welchen denn? Und wer sieht schon einem anderen ins Herz und kennst seine innersten Motive, wenn man sie gewöhnlich auch von sich selbst nicht weiß? Also: Vorsicht!
Robin


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RE: Was Dietrich Bonhoeffer vielleicht zu Amerika gesagt hätte

#4 von Joringel , 11.11.2016 10:17

Lieber Turmfalke, lieber Robin, liebe Mitleser,

mir fielen diese Gedanken von Dietrich Bonhoffer ein, weil ich so geschockt war, dass Trump trotz seiner Auftritte und Ausfälle gewählt wurde. Seine Wähler sind mehrheitlich arme, weiße Männer, die sicherlich Angst vor der Zukunft haben. Aber die wählen einen Mann, der sich damit brüstet keine Steuern zu zahlen und dessen Immobilienpleiten Menschen finanziert haben, die ihm vertrauten. Stattdessen haben sie das Programm im Ohr "Die Schwarzen sind alle..." "Die Mexikaner..." "Die Chinesen..." und da sehen sie ihren Feind. Sie könne nicht differenzieren und sind unzugänglich für Argumente. Die gleichen Stereotypen haben wir auch bei der "Pegida-Bewegung", die Kommentare zu gewissen politischen Nachrichten im Internet sind immer gleich und voller Häme. Das ist eine gefährliche Mischung aus Enttäuschung, Wut, Neid und Hass, der alle anderen trifft, aber eigene Fehlleistungen ausblendet. Ich möchte Trump nicht mit Hitler vergleichen, wirklich nicht. Eine solche abgrundtiefe Bereitschaft andere kaltblütig zu vernichten möchte ich Mr. Trump nicht unterstellen. Aber Hitlers erste Rede war auch sehr staatsmännisch, wenn ich es richtig in Erinnerung habe. Er sagte, das deutsche Volk habe gerade einen Krieg hinter sich und wünsche sich nichts als Frieden.

Heute Morgen war im Radio ein Bericht über Georg Elser, der ganz allein das missglückte Attentat auf Hitler im Bürgerbräukeller in München geplant und durchgeführt hatte. Einer seiner Söhne hatte sich erstmals, ich glaube zwanzig Jahre nach seiner Ermordung, am gleichen Tag wie Dietrich Bonhoeffer übrigens, kurz vor Kriegsende dazu öffentlich geäußert. Daraufhin wurde er mit wütenden Kommentaren überschüttet, sei Vater sei ein Mörder gewesen. (Acht Menschen starben bei dem Attentat, aber Hitler war vorzeitig gegangen und blieb unversehrt. Wäre das Attentat geglückt wäre die deutsche Geschichte wahrscheinlich ganz anders verlaufen.) Was ich damit sagen will, die Dimension der Tat wurde nicht erkannt.

Hoffen wir, dass Mr. Trump seine neue Rolle verantwortungsvoll und nicht als unsteuerbarer Hasadeur, der sich nur mit Seinesgleichen umgibt, ausübt.

Es grüßt Euch Joringel


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