Warum ich das Gedicht "Ist das ein Mensch?" eingestellt habe.

#1 von Wassermann , 25.01.2015 13:25

Liebe Leser,

für die Veröffentlichung des Gedichtes von Primo Levi andieser Stelle gibt es viele Gründe, die Ihr selbst auch überdenken könnt. So schlimm es auch ist, aber für den Mord an Juden wurden Worte gefunden. Menschen versuchen, das Grauen auszudrücken, sich über das Grauen anderen mitzuteilen. Das ist schwer genug. Ich las neulich noch über die Biographie eines amerikanischen Soldaten, der als einer der ersten in einem kleineren Konzentrationslager mitten im Wald ankam. Auf diese Situation waren er und sein Begleiter nicht vorbereitet. Heute ist er über 80 Jahre alt und geht immer noch zur Psychotherapie, weil er allein seinen Erinnerungen nicht standhalten kann. Seien wir doch ehrlich mit uns selbst - nur schemenhaft nehmen wir alles was mit Auschwitz im Zusammenhang steht, wahr. Wir retten unsere Seelen indem wir nicht so genau hinschauen. Schon das nachträgliche genaue Hinschauen könnten wir nicht aushalten. Doch manchmal trifft uns dieser Erkenntnisstrahl in Gedichten, in Dokumentationen, Zeitzeugenberichten, Fotos. Da steht sie, die alte Dame, auf einen Stock gestützt mit einem feinen Hütchen auf dem Kopf und einem winzigen Köfferchen vor der geöffneten Tür eines Viehwagons. Neben ihr in Uniform der deutsche Herrenmensch mit seiner Waffe. Wenn wir es könnten, wie würden wir "anhalten, anhalten" schreien und den Film rückwärts laufen lassen.

Aber wer hat Worte für die Ermordung von den kranken und hilflose Menschen, die wir "behindert" nannten und für die die Nazis todbringende Etiketten hatten, die ich nicht wiederholen will. Hat mal jemand versucht, diese Auslieferung der Hilflosen in Worte zu fassen? Haben wir nachträglich mit unseren Kindern und Enkeln gesprochen und ihnen gesagt, was wir getan und wie wir versagt haben? Haben wir Tafeln geschrieben, auf denen die Namen festgehalten wurden?Haben wir Gebete für unsere Mitschuld formuliert? Haben wir in Schriften dargestellt, welche Menschen in den Tod geschickt wurden und wie ihre Familien darunter gelitten haben? Wie sie mit plumpen Lügen getäuscht wurden? Der Weg aus der vertauten Umgebung in die Vernichtungsmaschinerie war kurz, der Tod lange und qualvoll. Bei welcher Gelegenheit sagen wir der Jugend, was passiert ist? Ist es eine bedauerliche Episode in unserer Geschichte oder ein Fanal dafür sich immer bewußt zu sein, was Menschen Menschen antuen können?
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RE: Warum ich das Gedicht "Ist das ein Mensch?" eingestellt habe.

#2 von Wassermann , 04.02.2015 16:04

Liebe Mitleser,

natürlich habe ich keine große Reaktion auf diesen Beitrag erwartet. Viele Menschen sind der Meinung mit solchen Themen soll man endlich aufhören. Meistens sagen es die, die noch nie damit angefangen haben. Ich habe mal gelesen, im Holocaust wurden 250.000 Kinder ermordet. Das ist ungefähr so viel wie die Bevölkerung von Halle. Stellt Euch mal diese Stadt vor, voller Kinder. Nur Kinder. Und dann die Todesfabrik.
Wir verabscheuen die Taten des so genannten IS. Diese Menschen wurden im Hass erzogen und im Hass indoktriniert. Aber wir, wir haben das christliche Abendland und die "Aufklärung". Und trotzdem waren solche Taten möglich. Und indem wir eine "Versöhnung" einfordern, die der Zeit geschuldet ist, beugen wir uns damit der Macht der Mörder und übergeben die Opfer dem Vergessen.
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RE: Warum ich das Gedicht "Ist das ein Mensch?" eingestellt habe.

#3 von turmfalke , 05.02.2015 20:01

Lieber Wassermann! Vor den schrecklichen Greueltaten, die im Dritten Reich passiert sind, kann man nicht die Augen verschließen. Das tun die meisten Menschen, die ich kenne aber auch nicht. Gleichzeitig können wie diese belastende Erinnerung auch nicht immer aktuell präsent halten. Wer könnte das aushalten?

Das Ende des Krieges ist jetzt 70 Jahre her. Das Jahr 2015 ist also ein Jahr des Gedenkens. Alle Ereignisse, die im Laufe des Jahres 1945 in Deutschland passiert sind, kommen wieder in Erinnerung.

Aber erinnern muss seine Zeit haben: Ich habe als Gemeindepastor dafür immer spezielle gottesdienstliche Orte gehabt, an denen ich der Erinnerung und der Mahnung besonderen Raum gegeben habe, z.B. am Volkstrauertag oder an Gedenkfeiern zum 9. November.

Sehr eindrücklich war die Goldene Konfirmation im Jahre 1995 als das Kriegsende 50 Jahre her war und der Konfirmationsjahrgang zusammenkam, der die eigene Konfirmation fast zeitgleich mit der Eroberung des Dorfes durch die Engländer erlebt hatte. Erstaunlicher Weise fand damals tatsächlich irgendwie eine Konfirmation statt. Die Konfirmanden von damals, die 1945 14 Jahre alt waren, werden in diesem Jahr 2015 84 Jahre alt, wenn sie noch leben. Bald werden die letzten Kriegsteilnehmer gestorben sein.

70 Jahre Kriegsende und 70 Jahre Befreiung von Ausschwitz bedeutet aber auch, dass wir auf 70 Jahre relativen Frieden und relative Freiheit zurückblicken können. Das gab es noch nie in der Geschichte Deutschlands. Ich bin dankba, dass ich das erleben durfte.

Deshalb darf Dein Anliegen natürlich nicht unter den Tisch fallen. Die Toten von damals mahnen uns auch heute, dafür zu sorgen, dass so schlimme Dinge nicht wieder passieren. Ich denke wir sind dabei in Deutschand aber auf einem guten Wege. Lasst uns dabei bleiben!

Dein Turmfalke


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RE: Warum ich das Gedicht "Ist das ein Mensch?" eingestellt habe.

#4 von Wassermann , 15.02.2015 17:57

Liebe Mitdenker und Mitfühlende,

in Ergänzung zu diesem Thema möchte ich einen Link einstellen, der das, was Evangelisch in einem ist, frieren lässt. Natürlich kann man sagen: Ja, das waren ja die Deutschen Christen! Aber die Frage ist ja - hat es denn eine Auseinandersetzung darüber gegeben? Und wenn nicht in der Hitlerzeit, wenigstens danach? Nein, wer den ganzen Artikel liest wird noch darauf stoßen. Die Aktiven wurden wieder theologische Lehrer. Da fällt mir wieder das Wort ein: Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.

http://de.wikipedia.org/wiki/Institut_zu...irchliche_Leben
Ausgeschrieben bedeutet der Titel:
Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben


Euer Wassermann


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zuletzt bearbeitet 15.02.2015 | Top

bei welcher Gelegenheit

#5 von wilfried , 16.02.2015 12:40

Zitat von Wassermann im Beitrag #1
Bei welcher Gelegenheit sagen wir der Jugend, was passiert ist? Ist es eine bedauerliche Episode in unserer Geschichte oder ein Fanal dafür sich immer bewußt zu sein, was Menschen Menschen antuen können?
Wassermann




Hallo Wassermann,

bei welcher Gelegenheit ...

Sicher zu selten. Das ist einer der Gründe, warum bei mir sogar auf der Toilette Dinge, die mir wichtig sind, zur Lektüre meiner Gäste bereitliegen. Manch einer greift dort zu Texten, die er woanders liegenlassen würde.

Und ich versuche bei den Menschen in meiner Umgebung bei passenden Gelegenheiten /was als zu oft von meiner Umgebung empfunden werden mag) angemessen über das Thema / die Themen zu sprechen.


Ich frage mich heute vor dem Hintergrund der Gräuel, die im Namen Allahs aktuell vollzogen werden, was ich tun könnte. Mit Kolleginnen, die sich kritisch über die Asylpolitik unseres Landes äußern, bin ich aktuell in lebhafter Kontroverse, weil ich es eben wichtig finde, daß Menschen im Notfall Schutz vor Verfolgung finden können, wiewohl ich es noch für wichtiger halte, daß sie wieder in ihrer Heimat ohne Angst leben könnten.

Die schockierenden Bilder und Filme sollte man meiner Meinung nach weiterhin im Internet dulden, denn sie sorgen dafür, daß kein aufrechter Mensch das, was getan wird, gutheißen kann.
Manchem drohe ich sogar an, sie gemeinsam anzuschauen.

Ich erwarte von der arabischen Staatengemeinschaft klare Worte und Taten und bin froh beispielsweise über die siebentägge Staatstrauer in Ägypten aufgrund der Enthauptung von einer Gruppe koptischer ägyptischer Christen in Libyen.

Niemend darf wegsehen.

 
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Warum ich das Gedicht "Ist das ein Mensch?" eingestellt habe

#6 von Joringel , 20.02.2015 15:18

Auch ich möchte noch einen Link einstellen, der das kirchliche Eisenacher Judeninstitut betrifft. Erschütternd finde ich nach wie vor, wie wenig solche Erkenntnisse die evangelische Kirche bisher umgetrieben haben. Parallelen gibt es ja auch zu dem Kontext von Stasi und Kirche. Auch hier gibt es Fragen, die nicht beantwortet werden und verschlossene Archive.

http://www.deutschlandradiokultur.de/die...ticle_id=241443

Euer Joringel


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zuletzt bearbeitet 20.02.2015 | Top

   

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