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Die Amtskirche und der Kirchentag

#1 von turmfalke , 28.04.2017 12:05

Liebe Formusgemeinde!

Ohne weiteren Kommentar stelle ich hier einen kurzen Beitrag ins Netz, den ich gerade beim evangelischen Pressedienst gefunden habe. Vielleicht kauft ja mancher entsetzte Leser nun Die Zeit, um den ganzen Beitrag lesen zu können.

"epd, evangelischer Pressedienst, am 27.04.2017
Heinig: Kirchentag ist keine Gegenmacht zur Kirche

Hamburg/Göttingen (epd). Der Kirchenrechtler Hans Michael Heinig in einem am Mittwoch vorab veröffentlichten Beitrag für die "Zeit"-Beilage "Christ & Welt":

Der Kirchenrechtler Hans Michael Heinig empfiehlt dem Kirchentag, seine Abgrenzung zur Amtskirche aufzugeben. "Er ist Teil der evangelischen Kirche, nicht ihr Gegenüber", schreibt der Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in einem am Mittwoch vorab veröffentlichten Beitrag für die "Zeit"-Beilage "Christ & Welt".

Stattdessen verharre der Deutsche Evangelische Kirchentag aus seiner Geschichte heraus in einer Pose als "basisorientierte Gegenmacht von 'unten'".
Der Göttinger Juraprofessur argumentiert, nachhaltige soziale Impulse könnten nur von einem Kirchentag ausgehen, der von Gemeinden und kirchlichen Diensten getragen wird. Dass sich der Kirchentag als Laienbewegung von der verfassten Kirche abgrenze, verkenne die evangelische Ämtertheologie und die synodale Kirchenleitung - "als ob die verfasste Kirche von einem Klerikerstand mit vorreformatorischem Amtsverständnis beherrscht würde".

Der evangelische Kirchentag findet seit fast 70 Jahren an wechselnden Orten statt. Er wurde 1949 in Hannover als von der Amtskirche unabhängige Bewegung begründet. In diesem Jahr wird der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag vom 24. bis 28. Mai in Berlin und Wittenberg gefeiert und steht im Zeichen des 500. Reformationsjubiläums.

Heinig wirft dem Kirchentag vor, seine Vergangenheit zu verklären und führt die Positionierungen in der Abrüstungsdebatte in den 80er sowie zum Umweltschutz in den 90er Jahren als Beispiele an. "Hatte die Nato vielleicht doch Ihr Gutes? Solche Fragen hört man nie auf Kirchentagen", schreibt der Professor für öffentliches Recht und Staatskirchenrecht an der Universität Göttingen. "Die Sehnsucht nach moralischer Eindeutigkeit ist beim Kirchentag groß, doch solche Stimmungen sind kurzlebig und flüchtig", konstatiert Heinig und empfiehlt dem Christentreffen Reformen.

Der Kirchentag sei wichtig für Standortbestimmungen im deutschen Protestantismus. Doch damit das so bleibe, brauche er ein "entspanntes Bewusstsein der eigenen Kirchlichkeit". "Der Kirchentag der Zukunft muss sich stärker als Forum gewissenhafter Urteilsbildung des Einzelnen verstehen und weniger als kollektives Meinungssilo", empfiehlt Heinig darüber hinaus.

Entgegen seinem eigenen Anspruch sei der Kirchentag von einer "oligarchischen Leitungsstruktur" geprägt. Man könne nicht einfach Mitglied des Kirchentages werden, um mitzubestimmen. Dessen Leitungsebene sei vom Publikum abgeschirmt. Die Beteiligungsformen und Gremienstrukturen müssten transparenter und durchlässiger werden, rät Heinig. (6076/26.04.17)"

epd lnb bas mir


Da fragt man sich doch, wo eigentlich "oligarchische Leitungstrukturen" bestehen. Vielleicht tatsächlich beim Kirchentag, - aber nicht auch bei der Amtskirche, inclusive ihrer Dachorganisation, der EKD?

Herzliche Grüße von Turmfalken


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RE: Die Amtskirche und der Kirchentag

#2 von Joringel , 11.05.2017 11:55

Lieber Turmfalke,

erst einmal Danke, dass wir erfahren wie man in der EKD denkt. Wieder einmal entsteht das Gefühl von Fremdsein in der eigenen Kirche. Vielleicht sollten wir den nächsten Kirchentag organisieren wie ein Parteitags-Event in Amerika. Massen von Besuchern an einem Platz versammeln, einheitliche lila Schärpen (€ 10,00) , mit Lichtelementen, in Sekundenzeit getaktete Frequenzen von Fußgetrampel, Freuden-Schreien, Gebete , Ansprachen der angesagtesten Typen wie Wolfgang Huber und Heinrich Bedform-Strohm, (Frauen sind hier nicht so wichtig). Referate verbieten sich von selbst, es reichen ein paar zentrale Sätze wie:
Kirche ist unverzichtbar, Ort der Besinnung, Frieden, gemeinsam, Schwache nicht vergessen, Halleluhja, Zukunft, teilen, die am Rande der Gesellschaft, Zusammenstehen, Solidarität, dann ein paar Gesänge, ein Lied von Luther die Wartburg als Lichtinszenierung , dann Gospel oder Popsongs, in den das Wort God und Devil vorkommt. Anschließend - sehr wichtig - eine milde Gabe für die Kirche, da durch die Austritte und vielen Aufgaben....., Kirchensteuer wird zurückgehen..., Jeder ist gefordert...Jammer, Jammer, und irischen Reisesegen, für € 1 extra mit Handauflegen.
Das wird der harmonischste Kirchentag,den wir je hatten. Sehe jetzt schon das zufriedene Gesicht von Herrn Heinig. Glückwunsch!

Es grüßt Joringel


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RE: Die Amtskirche und der Kirchentag

#3 von turmfalke , 11.05.2017 15:25

Lieber Joringel, du alter Spötter!

Ob der Chef-Kirchenrechtler der EKD sich solch einen Parteitagskirchentag wünscht? Vielleicht hast du Recht damit.

Aber es besteht natürlich tatsächlich ein Dilemma mit der Leitungsstruktur des Kirchentages.
Der Deutsche Evangelische Kirchentag ist vermutlich das größte und lebendigste, kritische Kirchentreffen der Welt. Er ist gerade für junge Leute so atraktiv, weil er so wuselig ist. Es fühlt sich an wie auf einem Festival.

Gleichzeitig wird sehr ernsthaft inhaltlich gearbeitet über alle wichtigen aktuellen Fragen in der Kirche und in der ganzen Gesellschaft. Der Anspruch ist, dass der Kirchentag Basisdemokratie ermöglichen soll. Fachleute, Promies und das kritsiche Publikum begegnen sich. Da wird dem Podiumsgast nichts geschenkt. Wer herumsülzt, weil er nichts zu sagen hat, wird von den Zuhörern gnadenlos entlarft. Wer dagegen zukunftsweisende neue Einsichten zu bieten hat, kann sich möglicherweise beim Publikum durchsetzen.

Zu dem Eventcharakter gehört auch, dass der Kirchentag nach vier Tagen wieder vorbei ist und alle wieder an ihre Arbeitsstellen zurückkehren. Der Charme besteht gerade darin, dass manches vorläufig ist und auch vorläufig bleibt.

Unser Kirchentagskritiker hat natürlich Recht, wenn er beklagt, dass die Leitungsstrukturen des Kirchentages undurchsichtig sind.

Ich vermute aber, dass das kaum zu vermeiden ist, bei so einer riesigen und oftmals sehr kurzfristig organiserten Mammutveranstaltung. Welche Basis, welches Gremium, welche Synode sollte da von wem autorisiert werden, die Leitung eines Kirchentages auf demokratischere Weise wählen zu lassen. Müsste man dabei nicht eher fürchten, dass dann Kirchenleitungen den Kirchentag dominieren, die sowieso schon Kirchensteuern angsterfüllt verwalten und in der Kirche Macht ausüben - immer mit dem sorgenvollen Hinweis auf die Finanzierbarkeit. Das würde das Leben des Kirchentages vermutlich eher ersticken.

Ich bin allerdings gespannt, wie sich das anfühlen wird, wenn unsere regierende Pfarrerstochter den ehemaligen Presidenten der Vereinigten Staaten auf dem Kirchentag begrüßen und öffentlich mit ihm diskutieren wird. Vielleicht bekommst Du ja dann deine Parteitagsstimmung auf dem Kirchentag.

Bleibt nur die Hoffnung, dass dann manche Diktatoren dieser Welt und manche Möchtegern-Weltretter mit oder ohne Amt dabei zuhören.

Aber keine Sorge, auch dies Ereignis ist dann ganz schnell wieder vorbei. Keiner braucht also Angst davor zu haben.


Schöne Grüße auch an Joringel!

Turmfalke


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RE: Die Amtskirche und der Kirchentag

#4 von terebinthe , 29.05.2017 17:17

Hallo alle
Sooo, vorbei sind die Kirchentage im Lande der Reformation mit der Sternfahrt ins "Zentrum der Reformation" - ganz nahe davon auf den Pratauer Elbwiesen . Immerhin- es sollen wohl 120.000 Menschen gekommen sein, 75 % von ihnen hatten den 60. Geburtstag schon gefeiert. In brütender Hitze bei gefühlten 45 grad C hielten die Menschen über Stunden .. aus-
Schade nur, dass während des Gottesdienstes lediglich EIN EINZIGES Lutherlied gesungen wurde. Für Christen aus dem lutherischen Sachsen war dies bitter- ich hab mich auch gewundert, aber ich kenne ja "evangelische events" .
Der katholische Bischof Feige aus Mgb würdigte Luther mit einem biblischen Bezug: Ringen mit Gott- Kampf Jakobs am Jabbok- na ja, wenigstens einer stellte mal eine Beziehung zwischen Luther und der Bibel her!
Und abschließend "würdigte er das katholische Verhältnis zu evangelischen Christen mit diesen Worten:" Schön, dass Ihr da seid und seinen Namen tragt"
das war mal ein Schlaglicht aus dem "Zentrum"

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RE: Die Amtskirche und der Kirchentag

#5 von Robin , 31.05.2017 19:41

Liebe/r Terebinthe!
Ich habe den Abschlussgottesdienst im Fernsehen verfolgt. Musik und Lieder - mit Ausnahme des "Christ ist erstanden" am Anfang - banal und scheußlich. Und die Reden ... Und diese aufgesetzte Fröhlichkeit unserer kirchlichen Vips. Doch der anglikanische Erzbischof aus Südafrika war ernst zu nehmen. Hier war noch ein echter christlicher Bezug und ein Bibeltext. Und dieser Prediger hat auch Luther gewürdigt und gesagt, welche Bedeutung Luther auch heute noch in den evangelischen Kirchen in Übersee hat.
Sehr malerisch der Blick über die Elbwiesen und über den Fluss auf die Stadttürme von Wittenberg. Fast ein Caspar David Friedrich.
Ja, von Luthers tiefen theologischen Einsichten war und ist in diesem Jubiläum bei uns in Deutschland nichts zu hören. Die evangelische Kirche feiert sich selbst und will mit ihren Events öffentliche Aufmerksamkeit erregen. Darum geht es.
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zuletzt bearbeitet 01.06.2017 | Top

RE: Die Amtskirche und der Kirchentag

#6 von terebinthe , 03.06.2017 16:40

Viele Leute werden wohl den Kirchentags- Abschlussgottesdienst auf den Wittenberger Elbwiesen im Fernsehen verfolgt haben- Da wurde auch eine Übersetzung der Predigt des englisch sprechenden Pfarrers aus SüdAfrika geboten . Im life GD leider nicht!!
Und während des Gd wurde nur ein Lutherlied gesungen:"Verleih uns Frieden" .Immerhin eins.. mal abgesehen von einer eigens für das Fest komponierten "Luthersymphonie" , wo einige Lieder aus der Feder Luthers stammten und immerhin raus zu hören waren, Bass erstaunt bin ich, dass "Christ ist erstanden " gesungen wurde: während des GD ganz bestimmt nicht nicht- schade. Dafür aber "We shall overcome" nach der Predigt.
Einige angereiste Gemeindeglieder aus dem lutherischen Sachsen , mit denen ich kurz ins Gespräch kam, äußerten sich nicht sehr positiv über den Gottesdienst.
In Wbg ist viel los- "Weltausstellung" mit verschiedenen "events" , eine Reihe von Ausstellungen, die sehr sehenswert sind, Konzerte in den Kirchen. gegen die Organisation kann ich nichts sagen.

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RE: Die Amtskirche und der Kirchentag

#7 von Robin , 08.06.2017 09:21

Doch, EG 99 wurde ganz am Anfang von den Blechbläsern gespielt und m.E. auch mitgesungen. Doch eben unter dieser Osterbotschaft, überhaupt unter irgendeiner Evangeliumsbotschaft, stand die Abschlussfeier gerade nicht.
Ein Bekannter sprach vom Desaster des "Kirchentagsgodi". Wahrscheinlich hatten die Veranstalter mit wesentlich mehr Teilnehmern gerechnet. Die Wiesen waren nicht sehr bevölkert, wie mir am Bildschirm schien.
Und noch etwas: Die aus Berlin angereisten Menschen, meistens ältere Teilnehmer, mussten mit ihrem Gepäck vom Bahnhof Wittenberg bis zu den Elbwiesen zu Fuß laufen, ca 2-3 km, das Gepäck schleppend. Einen Shuttle-Bus gab es nicht. So wurde erzählt.
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