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Sieben Fallen der Freiheit

#1 von Pirat , 23.07.2014 09:36

Sieben Fallen der Freiheit


1942 geb. 1963 Abi. Kieler Gelehrtenschule Studium in Kiel und Tübingen bis 1968 Stipendium des Weltkirchenrats Uni Utrecht (NL) .
1969/70 Pressevikar beim Deutschen Allgem.Sonntagsblatt Hamburg. danach bis 1974 Sozialpädagogisches Zusatzstudium (berufsbegleitend) an der Uni HH . 1.Falle:
weil es als linke Alternative zur Diakonie gewertet wurde) Danach bis zur Scheidung 1996. 2.Falle:
"Wir wollen keinen alleinerziehenden Pastor mit 2 türkischstämmigen Adoptivkindern im Pastorat" --und ohne die Kinder allein mit Untermieterinnen erst recht nicht!!"-
3. Falle:
Residenzpflicht! -die Miete wurde unbezahlbar.
4.Falle:
Gedeihlichkeitsparagraf!- mit meist grotesk " Begründungen" hinter vorgehaltener Hand. Heimliche KV Sitzung ohne den Pastor und ohne Protokoll!!
5. Falle:
Wartestand -- ca. 10 vergeblichen Bewerbungen. Pastoralpsychologische“ Berater“ unter den Kollegen , die sich als Chefs auf Zeit gebärdet und fleissig mit nach oben gebuckelt und nach unten getreten haben. Ebenso Pröpste, die sich wahrscheinlich gegenüber der Kirchenleitung als "Stellensparer" profilieren wollten. 6. Falle:
Stellenteilung --hätte vom Gehalt weder zum Leben noch zum Sterben gereicht, bei gleichzeitigen deftigen Unterhaltsforderungen für Ex-Frau und Kinder. Da ich zum Glück noch(„nur per Antrag"=Geheimtipp) als einer der letzten auf den Zug aufspringen konnte, der vom Abitur bis zum vorgezogenen Ruhestand alles für die Versorgungszeiten angerechnet bekam, schien es nicht tragisch bis-- 7.Falle:
kurz nach meiner Scheidung das Rentnerprivileg fiel und die Abzüge nach §57 +50f (Staats!!-)Beamten- Versorgungsgesetz bis heute (18 Jahre nach der Scheidung!!) auf rund 800 Euro Abzüge monatlich! -also ein Drittel des Netto -angestiegen sind. Seltsam-Trotz Abschaffung des Schuldprinzips wird auch hier ein lebenslängliches Bussgeld ohne Begründung verhängt -besonders wenn man bedenkt, dass die Weigerung der Ehefrau, in der Gemeinde mitzuarbeiten(auch nur in den Gottedienst zu gehen!) natürlich zur Nichtgedeihlichkeit in den Augen der Gemeinden beigetragen hat.
Da reicht schon ein anonymer Anruf beim Vorgesetzten. Moralischer "Makel" unter der Decke gehandelt treibt so manchen von uns in die Nähe von Altersarmut -und wird es in Zukunft noch stärker tun!
Nachtrag:
Auch die Änderung der Versorgungsstaffel 1991/2 , die wohl nicht die einzige bleiben wird, zeigt die Unfähigkeit der kirchenleitenden Organe, wirklich angemessen zu versorgen. Fazit: Kirchenvorstände und mit ihnen das Übergewicht theologischer Laien und weltlicher Juristen, wie auch selbsternannter Finanz-"Experten" in den Ausschüssen, die sich aus meist beruflich erfolglosen Managern oder Bankangestellten rekrutieren, und die überdies nicht wirklich demokratisch gewählt sind (erfolgreiche haben keine Zeit, sich um die Kirchensteuermittel anderer Leute zu streiten) sind ABZUSCHAFFEN.

Wie in der Politik findet auf dem Weg durch die Gremien nach oben automatisch ein Perspektivwechsel von der Ortsgemeinde zur Vogelschau der Arbeitgeber und Aufsichtsräte statt, die unten einsparen und oben auf Teufel komm raus Kapital retten oder sogar mit abenteuerlichen Spekulationen erwirtschaften wollen.
-Und der Teufel des Kapitalismus oder Neoliberalismus kommt raus, nicht nur der Fall der Münchner Stadt-Dekanin Kittelberger zeigt das -von vertuschten ähnlichen Fällen dringt vieles nicht durch. Man könnte ja auf die Idee kommen, dass es sich öfter mal um „unzulässige Vermögensbildung“ statt krisensicherer Umlagefinanzierung handelt.

Wenn dann noch eine Zusatz-Kirchensteuer („Kirchgeld“ genannt)von Familienmitgliedern ausgetretener Hauptverdiener erhoben wird, treibt man (schon wieder) den Teufel mit Beelzebub aus. Statt zu zahlen, tritt natürlich auch der Rest der Familie aus.

Und die Anzahl der frustrierten, überforderten und unterbezahlten Gemeindepfarrer im Dienst und Ruhestand, die selbst Mühe bekommen, bei steigenden Lebenshaltungskosten
die Mieten zu bezahlen und mehr als ein Fahrrad zu fahren, sind unübersehbare Anti-Missionare dieser alles andere als reformatorisch oder gar protestantisch zu nennenden Amtskirche.Bald wird man keine Pfarrstellen mehr einzusparen brauchen, denn auf diesen Schleudersitz wird sich kein vernünftiger und begabter junger Mensch mehr setzen.
erhoben wird,

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RE: Sieben Fallen der Freiheit

#2 von Joringel , 26.07.2014 18:40

Hallo, Pirat,

das sind atemberaubende und deprimierende Beschreibungen. Manches, insbesondere den Prozess der "Ungedeihlichkeit", darüber hat man schon vieles gehört, gesehen und gelesen. Viele Menschen außerhalb der Kirchenbürokratie haben verstanden, dass das Verfahren in sich faul ist. Anderes, was Du schreibst, ist schwerer nachzuvollziehen. Vermute mal, dass sich auch deswegen noch niemand getraut hat, zu antworten. Denn eigentlich wollen wir uns ja gegenseitig zuhören und, wo es möglich ist, unterstützen. Bei der komplizierten Lage frage ich mal - hast Du denn eine Rechtsschutzversicherung? Hast Du Dich auch juristisch gewehrt?
Auf jeden Fall sollte man Dein Resumée zum Aufruf machen. Nicht auf das Theologie-Studium als solches verlassen. Entweder ein Doppelstudium angehen, so dass man immer noch aussteigen kann oder sich alle Illusionen von einer christlichen Gemeinschaft in der Kirche abschminken. Wie sagte doch eine Betroffene? Erst beten wir alle zusammen und danach geht das Hauen und Stechen los.
Fast möchte ich annehmen, dass Du am Ende Deines Berufsleben stehst. Dass sich Dir trotzdem Türen der Erfüllung und Sinnfindung auftuen - das wünsche ich Dir.
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RE: Sieben Fallen der Freiheit

#3 von azalee , 26.07.2014 19:27

Lieber Pirat, liebe Joringel,
Mir ging es so- ich weiß nicht so recht, wie / was ich antworten soll.
Lieber Pirat, ich vermute , Du bist sehr frustriert, doch zumindest unglücklich nach alldem, was Dir passiert ist bei der Kirche.
Du hast recht, wenn Du von frustrierten und überforderten Pfarrern / Innen schreibst, die ja eigentlich mal mit Begeisterung ins Pfarramt gingen. Die Zahl der Studierenden an den theologischen Ausbildungsseinrichtungen sinkt ... aber das Ehrenamt steht momentan hoch im Kurs.
Ich sende viele Grüße und vielleicht hören wir noch weiteres vom Pirat
azalee


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RE: Sieben Fallen der Freiheit

#4 von Pirat , 24.08.2014 22:45

Liebe Joringel! Vielen Dank für deine verständnisvolle Antwort. Zur Frage des Rechtsweges: Nein, ich habe ihn nicht beschritten, ich war dazu zu arglos. Was ich damals getan habe:
Ich habe eine Visitation beim Propst beantragt - und der hat mir angesichts der haltlosen und beleidigenden Vorwürfe gesagt:"Mein erster Impuls war, sofort zum Anwalt gehen!"
Aber gerade das verbietet uns ja die Kirchen-Verfassung mit ihrer eigenen kirchlichen Gerichtsbarkeit!(Immernoch Staat im Staate) Der Dienst-Vorgesetzte hatte also selbst keine Ahnung und war hilflos. Er flüsterte mir dann in einer Verhandlungspause zu:" Der Vorsitzende war einmal Staatsanwalt- und das merkt man."
Das Problem liegt genau darin,dass es keine Handhabe gegen Machtmissbrauch von Kirchenvorständen gibt, -wohl aber gegen Pfarrer,wie wir alle wissen. Den Kirchenvorstehern ist auch überhaupt nicht bewusst, daß sie nur Dienst-Vorgesetzte der Mitarbeiter, nicht aber der Pastoren sind.(Jedenfalls in der damaligen Nordelbischen Kirche -aber das wird sich seitdem nicht geändert haben).Und auch bei dem Umgang mit Mitarbeitern liegt ja alles im Argen, solange man Gewerkschaften zu Gunsten des sog. 3. Weges verhindert.
Das Hauptproblem sehe ich so: Das Pfarrer-Dienstgesetz (und alle anderen Kirchengesetze) werden von theologische Laien, der überwältigenden Mehrheit in Vorständen und Synoden gemacht - und somit leiten die Schafe die Hirten statt umgekehrt (Also eine echte Perversion!) Ein Beweis ? Da steht doch in der Verfassung auch der Satz:"Der Kirchenvorstand wacht über die Lehre!! " Ein aufrechter Kollege hat einmal einen Gottesdienst nicht gehalten, weil niemand vom Kirchenvorstand in der Kirche war (wie in entkirchlichten Gegenden oft), also auch niemand zum "Wachen" da war. Ich brauche wohl nicht auszumalen, wie es ihm weiter ergangen ist...
Klarer Fall, "Lehre" hin und her, lieber als mit geistlichen Fragen beschäftigen sich Vorstände und Ausschüsse mit dem, wovon sie mehr zu verstehen glauben, als der Pastor ,--
nämlich mit dem Geld anderer Leute -also den Kirchensteuern und Ausgaben, mit dem Sparen an Mitarbeitern usw. (Der Gipfel war der "Witz " eines Offiziers der Reserve:"Sparen wir doch einfach den Pastor, der kostet am meisten"- dies natürlich auf dem Hintergrund meines Engagements für die Friedensbewegung in den Siebziger Jahren).Übrigens:deswegen sitzen in vielen Kirchenvorständen und Gremien auch gerne örtliche Handwerker-Meister( Kirche ist doch ein potenter Auftraggeber) Geschäfts-und Verwaltungsleute sowie Bank- und Sparkassen-Angestellte -besonders die, die im Beruf nicht sehr viel zu sagen -und daher ausreichend Freizeit haben. Ach ja, Anwälte und erfolglose (Kommunal-)Politiker nicht zu vergessen.Deswegen mein radikaler Therapie-Vorschlag :Endlich abschaffen!! Näheres dazu in publik-forum Nr.9 /Mai 2014 S.30 von Timo Rieg (auch im Internet nachzulesen). Übrigens, liebe azalee, damit ist nichts gegen die anderen Ehrenamtlichen gesagt, die lieber mit Menschen besuchen, als sich in Gremien mit Zahlen zu langweilen.


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RE: Sieben Fallen der Freiheit

#5 von azalee , 27.08.2014 11:19

Hallo Pirat-
nach einiger Zeit bin ich wieder mal im forum...
da ich persönlch von Dir angesprochen werde speziell zum Thema EHRENAMT, möchte ich auch antworten.
Vorausschicken möchte ich den Spruch eines klugen Mannes ( Kästner?) : Die einen drücken sich falsch aus und die anderen mißverstehen .
Zum Ehrenamt: in keiner anderen Organisation ist das ehrenamtliche Engagement so hoch wie in der Kirche. Und da . wo ich jetzt wohne, gibt es sogar eine EHRENAMT - AKADEMIE.
Ich kann überhaupt nichts negatives zum Ehrenamt sagen, genau wie Du. ich möchte nur mal einen Kollegen zitieren:" das Ehrenmat wird immer mehr ausgenbaut nur deshalb, so habe ich den Eindruck, weil dann nur noch mehr Pfarrstellen gestrichen und nur noch mehr Pfarrer eingespart werden können."
Ach übrigens, der Leiter der EHRENAMT - Akademie war zu DDR - Zeiten mal KREIS -FDJ - Sekretär, sagt man.


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