Pietà einmal ganz anders

#1 von Joringel , 21.02.2016 21:31

Joringel sitzt mit der zweitältesten Tochter auf einer niedrigen Couch vor einem kleinen Couchtisch. In endlosen Schleifen lesen und fragen wir: Ich bin Carlos und komme aus Spanien. Und woher kommst du? Ich bin Julia und komme aus Berlin. Ich bin Barbara und ich komme nicht aus Berlin, ich komme aus München. Das Mädchen hat schon seinen Platz im Integrationskurs, sie weiß - es ist ihre Chance. Der Schlüssel zur Zukunft in Deutschland! Es fällt ihr schwer ei und ie zu unterscheiden. Wiiiiiiiie betone ich. Wiiiiiie wiederholt N. und konzentriert sich. Dann kommt das Wort reisen. Sie sagt riesen. Nein, versuche ich zu erklären ie ist anders als ei. Ich male Bilder, schreibe Wörter darunter Riese...Beine,, schreiben...liegen. N. schaut mich mit großen Kulleraugen an, dann lacht sie, alles klar: reisen.

Neben uns sitzt die ältere Schwester, schaut uns über die Schulter. Sie wartet noch ungeduldig auf einen Platz im Integrationskurs. Zuhören kann nicht schaden, im Gegenteil... Manchmal greift Joringel zu Erklärungen in englischer Sprache. Dann übersetzt die ältere Schwester auf Farsi. Dann ist es an Joringel nichts zu verstehen. Nicht weit von uns auf dem Fußboden sitzt der Familienvater. Auch er hat seine Aufgabenbücher vor sich und lernt leise. Er spricht unverdrossen Deutsch, ein schauderhaftes Kauderwelsch, welches Joringel auch mit größter Anstrengung nicht versteht. Deshalb geht er auch nie bevor er nicht auch mit dem Vater die Übungen durchgesprochen hat. Aber jetzt lernt dieser noch still für sich auf dem Fußboden. In einem Pflegebett (dem einzigen Bett der Familie) sitzt der große Sohn M. Auch er lernt. Seine Arme sind dünn wie Streichhölzer. Joringel erschrickt, wenn er das sieht. Aber er lässt es sich nicht anmerken, bringt aber immer für alle Obst und für den großen Sohn Protein-Riegel mit. Er hat Sorge, dass die Familie am Essen spart. Es gibt Sachen, die fragt man einfach nicht.

Gegenüber von Joringel und den Töchtern sitzt Mutter H. auf dem Fußboden. In ihre weiten Pluderhosen hat sie ihren kleinen Sohn M. gebettet. Er schläft tief und fest. Sein Kopf ruht auf den überkreuzten Beinen der Mutter, Arme und Beine hängen schlaff herunter. Unwillkürlich wird Joringel an eine Pietà erinnert, doch hier in dieser winzigen Wohnung bedeutet es geborgenes Leben. Um diese zarte, kleine, unscheinbare und weltunerfahrene Mutter haben sich die drei Kinder gedrängt als sie sich auf den Weg zu Vater und Bruder gemacht haben. Wie haben sie das wohl alles bewältigt? Die große Angst vor dem Ungewissen? Vor bösen Menschen? Vor der Angst getrennt zu werden? Vor der Angst die Töchter vielleicht nicht schützen zu können? Vor der Angst zu ertrinken? vor der Angst Deutschland nicht zu erreichen? Vor der Angst Vater und Bruder nie wiederzusehen?

Mutter H. schaut Joringel in seinem Amt als Sprachlehrer mit grenzenlosem Vertrauen an. Es gibt Gefühle, die sich jenseits von Worten mitteilen. Für Joringel ist dieses Vertrauen kostbar.


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Weil das alles nicht hilft,

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