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Entschuldigung des Präses im Rheinland?

#1 von Robin , 03.06.2015 11:10

Liebe Freunde,

viele Leute sind voll davon, dass sich Präses Rekowski im Rheinland für das üble Verhalten der Kirchenleitung gegenüber circa 500 Pfarrersleuten entschuldigt habe, die ihre Pfarrstellen auf dubiose Weise verloren, teilweise wegen der kirchlichen Umstrukturierungen, teilweise aber auch wegen bewusst angezettelte Konflikte vor allem in den Presbyterien.

Hier der Link zu diesem Präsesbrief: http://praesesblog.ekir.de/2015/05/16/er...g-und-wertvoll/ .

Mein Kommentar dazu: Das ist keine wirkliche Entschuldigung, sondern eine sehr vornehme Umschreibung für das gegen alle Fürsorgepflicht der Kirche verstoßende Handeln der rheinischen Kirchenleitung seit mindestens 20 Jahren. Und auch die Absicht hinter dem Brief ist deutlich. Die jetzt im Wartestand oder Zwangsruhestand befindlichen Pfarrpersonen (mit ihren sehr abgesenkten Bezügen) möchten sich doch bitte auch weiterhin ehrenamtlich in die Kirche einbringen, die damit dann noch mehr Pfarrstellen einsparen kann.
Ist das Einsicht in eigenes falsches Verhalten oder gar Reue?

So fragt Robin


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RE: Entschuldigung des Präses im Rheinland?

#2 von Nemo , 03.06.2015 20:48

Präses Rekowski ehrt seine Offenheit und das Eingeständnis, dass eine sich sonst so unfehlbar gebende Kirchenbehörde Fehler gemacht hat.
Dies kann aber nur ein allererster Schritt sein! In meinen Augen bräuchte es konkrete gute und bezahlte Beschäftigungsangebote für die Betroffenen. Und es bräuchte auch gute Begegnungen in dieser Richtung und nicht nur ein Rundschreiben. Das Leid, das an hunderten KollegInnen verübt worden ist, bekommt man nicht einfach mit einem DINA4 Brief aus der Welt.
Als Betroffene/r würde es mir vermutlich schwer fallen diese Worte anzunehmen.


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RE: Entschuldigung des Präses im Rheinland?

#3 von Joringel , 04.06.2015 13:00

Ja, das ist wirklich richtig. Ich weiß noch von einer anderen (dürftigen) Entschuldigung, aber die Geschichte klingt so mafiös, dass sie wahrscheinlich keiner glaubt. Es war in den 90-er Jahren.

Ein Pfarrer der ekir in einem kleinen Dorf oder Städtchen auf dem Land soll nach dem Willen seiner Vorgesetzten (Dekan oder Propst - ich weiß es nicht mehr genau) verschwinden. Leutselig lädt er ausgewählte Kirchenvorsteher privat zum Grillen ein. Große Ehre. Dann geht es Schlag auf Schlag. Ungedeihlichkeit, Anordnung einer psychiatrischen Untersuchung. Ergebnis - katastrophal. "Der Pfarrer ist nicht in der Lage eine Gemeinde zu leiten". Empfehlung - der Pfarrer soll sich möglichst schnell in geschlossene Behandlung geben. Gleichzeitig ließ der Betroffene ein privat bezahltes Gegengutachten an der Uniklinik in Mainz erstellen - Ergebnis alles in Ordnung. Doch die ekir gibt nicht auf. Über fünf Jahre versucht sie, mit Drohungen und Tricksereien den Mann aus dem Amt zu vertreiben, weil - eine Kirche irrt sich ja nie! Eine der verbalen Drohungen ist - wir kriegen Sie schon noch! Entweder holt Sie die Polizei ab oder ein psychiatrischer Dienst. Der Pfarrer und seine Frau entschliessen sich, ihre halbwüchsigen Kinder auf Dauer zu den Großeltern in eine weit entfernte Stadt zu geben. Sie wollen nicht, dass ihre Kinder so etwas erleben müssen.
Zwischendurch erkrankte der Pfarrer an Krebs. Als er wieder genas, hielt er in einer kleinen Kapelle, nicht in der Gemeinde, eine private Dankandacht ab. Das wurde sofort gmeldet und er gleich wieder vorgeführt als einer, der die kirchlichen Anordnungen nicht einhält. Insgesamt gab es elf psychiatrische Untersuchungen, kirchlichseits angeordnete und privat finanzierte Gegengutachten. Nach 51/2 Jahren kommt es zu einem Vergleich, weil der Betroffene am Ende seiner Kräfte war. In der örtlichen Presse wird ein dürres Sätzchen veröffentlicht: "Irrtümlicherweise haben wir angenommen, Pfarrer Sowieso sei nicht in der Lage eine Gemeinde zu leiten. Das bedauern wir sehr". (Das zitiere ich aus dem Kopf.) Der betroffene Pfarrer, eine kluge, bescheidene Führungspersönlichkeit, ist danach nicht mehr arbeitsfähig. Posttraumatisches Stress-Syndrom. Der Weg zu psychotherapeutischer Hilfe ist ihm versperrt, da er erlebt hat, dass aus vertraulichen Gesprächen Informationen weitergegeben wurden. Der erste, von der Kirche beauftragter Gutachter, hatte das negative Gutachten unterschrieben, hat es aber gar nicht selbst gemacht Das kam bei den Verhandlungen auch heraus. O.K. ich erzähle das aus dem Gedächtnis und könnte auch noch mehr dazu schreiben. Aber das reicht ja schon. Ich weiß auch, wo der Fall dokumentiert ist. Seinerzeit, Ende der 90-Jahre habe ich die entsprechenden Dokumente zusammen mit einer weiteren Zeugin gesehen. Es war im wahrsten Sinne des Wortes niederschetternd. Der Fall war für die ekir so spektakulär, dass ihr damaliger Präses mit Sicherheit davon gewußt hat. Deshalb, was Robin und Nemo zum Entschuldigungsbrief des Präses schreiben, hat auch meine volle Untestützung.
Euer Joringel

Und das Ganze erinnert mich an das Unrecht in der Evangelischen Stiftung Neinstedt. Man muß schon um die Gesundheit der Betroffenen bangen.


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RE: Entschuldigung des Präses im Rheinland?

#4 von turmfalke , 04.06.2015 23:15

Hallo ihr alle!

Ja, ich sehe es genauso! Wer schlimmes Unrecht erlebt hat, kann sich mit so einer formalen Entschuldigung nicht wirklich zufrieden geben. Es ist zwar gut, dass so ein Wort von der neuen Kirchenleitung überhaupt kommt. Bereinigt wird die Vergangenheit aber erst, wenn sie eins zu eins aufgearbeitet wird. Das würde bedeuten, es müssten die damaligen Verfahren wieder aufgerollt werden, mit einer anderen Einstellung von Seiten der Kirche neu bewertet und dann neu entschieden werden. Dann müßte die Kirche für begangenes, festgestelltes und dokumentiertes Unrecht um Entschuldigung bitten, den anstellungsrechtlichen Zustand vor der falschen "Verurteilung" wieder herstellen und darüberhinaus noch eine Entschädigung zahlen. Selbst das reicht nicht, weil man verlorengegenes Vertrauen bei den Betroffenen udn bei den mitbetroffenen Gemeinden nicht leicht wieder herstellen kann. Begangenes Unrecht kann man eben nicht ungeschehen machen.

Mir ist das als ein Betroffener persönlich aber gar nicht mehr so wichtig. Mein Ansprechspartner ist Christus. Für meine Anteil an der begangenen Schuld kann ich ihn um Vergebung bitten und von ihm Absolution erhalten.

Die Kirche als Institution ist eine Einrichtung dieser Welt. Demnach ist zu erwarten, dass sie von Menschen bestimmt wird die - simul justus und pecator - zugleich begnadigt und ein Sünder - zum Guten und auch zum Bösen fähig sind. Damit hätte ich immer rechnen müssen, war aber lange zu blauäugig dazu. Dann bin ich eines Besseren belehrt worden und kann jetzt auch das wegstecken. Ist leider so - oder Gott sei dank!?

Ob wohl Präses Rekowski oder auch der bisherige Präses und Ratsvorsitzende Schneider unseren thread liest. Vielleicht sollte ihm das jemand mal stecken.

Viele Grüße! Euer Turmfalke


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RE: Entschuldigung des Präses im Rheinland?

#5 von Robin , 24.06.2015 12:50

Inzwischen hat sich die "Initiative für ein gerechtes Kirchenrecht" wieder geäußert und ihrerseits den Präses des Rheinlands auf seinen Entschuldigungsbrief hin angesprochen. Da auch dieser Brief wieder und wieder die Einhaltung der Grundrechte in der Kirche anmahnt und den unchristlichen Umgangsstil der Kirchenleitungen nennt, sei er an dieser Stelle in unserem Forum veröffentlicht.
Alle Schreiben der Initiative an den früheren und jetzigen Ratsvorsitzenden der EKD, an den Präses des Rheinlandes, die Präses der EKD-Synode etc. sind in der Home-Page unseres Vereins "www.david-gegen-Mobbing.de"; unter "Die gegenwärtige Rechtslage/ Dokumente zur Rechtslage" veröffentlicht.
Robin


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RE: Entschuldigung des Präses im Rheinland?

#6 von Prediger , 25.06.2015 17:15

Ich habe mir den Entschuldigungsbrief angeschaut. Aber der bezieht sich gar nicht auf Mobbing und Abberufung wegen ungedeihlichen Wirkens. Er bezieht sich nur auf die Pastoren, die nach der Ordination keine Stelle bekamen, weil es damals zu viele Bewerber gab, und die, um die Ordinationsrechte zur erhalten, im Ehrenamt gearbeitet haben. Es geht wohl darum, die angesichts des jetzt drohenden Mangels an Pastoren bei der - ehrenamtlichen - Stange zu halten.
Das systematische Unrecht der Abberufung mißliebiger Pastoren wegen "ungegdeihlichen Wirkens" ist der Kirche keine Entschuldigung wert, weil die Betroffenen entweder durch das erlittene Unrecht arbeitsunfähig, mithin für die Kirche uninteressant - sind oder eine Rückkehr nicht erwünscht ist. Man wollte sie ja loswerden. Da wird man sie jetzt nicht zurückholen. Diese - und ihre Familien, die mitten in einem aufopferungsvollen Dienst durch Mißgunst und Willkür um Arbeit und Brot gebracht wurden, haben ja noch mehr gelitten.
Diese Entschuldigung erinnert mich an den Einbrecher, der alle Wertsachen mitgehen ließ und sich dann entschuldigt, daß dabei ein Fensster zu Bruch ging - aber nicht daran denkt, das gestohlene Gut zurückzugeben.
Diese Entschuldigung wäre besser unterblieben. Denn sie ist zum einen allzu deutlich nur Mittel zum Zweck und zum anderen spart sie die am meisten Betroffenen aus.
Um die Glaubwürdigkeit wieder zu gewinnen, müßte die Kirche das Hauptunrecht - Mobbing - durch kirchenleitende Personen. bekennen, das Unrechtsgesetz abschaffen und allen Betroffenen Wiedergutmachung leisten -
meint
der Prediger

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RE: Entschuldigung des Präses im Rheinland?

#7 von Robin , 27.06.2015 00:15

Die Rheinländer sind mit ihren jungen Theologen ganz übel umgesprungen. Da sie sie nicht in den kirchlichen Dienst übernehmen konnten oder wollten (schließlich werden ja Pfarrstellen rigoros eingespart), haben sie sie in besondere Beschäftigungsverhältnisse geschickt. Da das dann aber auch zu teuer wurde, wurden die Assessment- oder Eignungsprüfungen ausgedacht, mit dümmlichen Interviews und Rollenspielen, die von Oberkirchenräten und auswärtigem Personal bewertet wurden. Wer durchfiel, weil seine Person den Prüfern subjektiv nicht passte, erhielt ein Schreiben, das ihn oder sie ab dem 1. des kommenden Monats in den Wartestand mit anschließendem Zwangsruhestand versetzte. Die gesamte Zahl der in dieser Weise oder durch die "Ungedeihlichkeitsverfahren" abgewickelten Personen soll sich auf circa 500 ausgebildete Theologen belaufen. Diese, die jetzt noch übrig und nicht in andere Berufe abgewandert sind, mögen sich doch bitte ehrenamtlich einbringen, damit die Landeskirche die vielen eingesparten Pfarrstellen kompensieren kann. So nun der Präses. Also: sehr viel besser wurden die 500 Genannten auch nicht behandelt gegenüber den durch den U.-Paragraphen Herausgesetzten. Und vielleicht sind sie doch mit eingerechnet.
Robin


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