Schon mal was von Ahmet Altan gehört?

#1 von Joringel , 10.03.2018 20:38

Wahrscheinlich nein, aber von Denis Yücel bestimmt. Er profitierte davon, dass Erdogan wieder "Schönwetter" in Deutschland machen will und das ist ihm ja auch gegönnt. Am Tag seiner Freilassung wurde drei türkische Journalisten, der Schriftsteller Ahmet Altan und sein Bruder, ein Wirtschaftswissenschaftler, zu lebenslanger Freiheitsstrafe ohne vorzeitige Entlassung in Einzelhaft verurteilt. Kann man sich so etwas überhaupt vorstellen? Amnesty International schreibt dazu:

BERLIN, 16.02.2018 - "Heute, am Tag der Freilassung von Deniz Yücel, sind die Journalisten Nazli Ilicak und die beiden Brüder Ahmet und Mehmet Altan von einem türkischen Gericht zu lebenslangen Haftstrafen unter verschärften Bedingungen verurteilt worden. Diese Urteile verhöhnen rechtstaatliche Prinzipien und die Europäische Menschenrechtskonvention. Erst vor wenigen Wochen hatte das türkische Verfassungsgericht die Haft von Mehmet Altan für verfassungswidrig erklärt, untergeordnete Gerichte haben diese Entscheidung aber missachtet."

Jetzt gibt es ein Dokument, in dem Ahmet Altan selbst den Tag der Verurteilung beschreibt, hier einige Auszüge aus "Tragische Ignoranz der Zwischenzeit" SZ 09.03.18

"Sie sitzen auf einer Bank, die zwei Meter hoch ist. Sie tragen schwarze Roben mit roten Kragen. In wenigen Stunden werden sie mein Schicksal entscheiden. Ich schaue sie die ganze Zeit an. Sie haben aus Langeweile ihre Krawatten gelockert....
Als einer meiner Mitangeklagten sagt, er habe demnächst ein Bypass-Operation, zieht der Vorsitzende Richter das Mikro näher zu sich heran und sagt ihn mechanischer Tonlage:" Das Krankenhaus hat uns informiert, dass Ihrem Gefängnisaufenthalt nichts im Wege steht." Mehrfach schneidet er den Verteidigern, wenn sie zu ganz zentralen Anliegen kommen, mit seiner mechanischen Stimme das Wort ab: "Sie haben zwei Minuten. Kommen Sie zum Punkt!" Mir fällt ein, was Elias Canetti über solche Leute geschrieben hat: " In Sicherheit. Mit sich im Reinen. Mächtig. Und dann hören Sie das Flehen eines Menschen und sind von vorneherein entschlossen, sich taub zu stellen - kann man sich überhaupt noch gemeiner verhalten?"

Nachdem die Angeklagten und die Verteidiger gesprochen haben, einer der drei Richter blickt dabei an die Decke und träumt oder nickt ein, ein anderer blickt unentwegt in seinen Computer, werden der Schriftsteller Ahmet Altan, sein Bruder und die drei Journalisten von martialisch gekleideten und bewaffneten Polizisten in einem gekachelten Keller des Gefängnisses eingesperrt und warten auf ihr Urteil. (Eine ebenfalls betroffene Frau wird in eine andere Zelle gebracht). Die anderen Journalisten sind optimistisch, Ahmet Altan ist es nicht.

"Wir gehen nervös in der Zelle auf und ab,von einer Wand zur anderen. Die Minuten verrinnen, mal langsamer, mal schneller, je nachdem, worüber wir reden. Wenn die Minuten langsamer werden, fühlen wir, wie sich in unserem Inneren Wunden öffnen. Wir verstecken das voreinander. Die Minuten, die Du in einer Zelle verbringst, während Du wartest, ob Du zu lebenslanger Haft verurteilt wirst, sind Folter. Mit einiger Verwirrung bemerke ich, dass sich unter meinen Pessimismus immer wieder kurze Momente der Hoffnung rühren. Ein Mensch, der innerlich friert, kann die Hoffnung und ihren warmen Glanz nicht aufgeben.... Plötzlich fällt mir eine Passage aus meinem Roman "Wie eine Schwertwunde" ein, der während der letzten Tage des Osmanischen Reiches spielt. ... Einer meiner Protagonisten wurde verhaftet und wartet auf sein Urteil. Ich schrieb: "Der Spalt zwischen dem Moment, in dem sich das Schicksal eines Menschen verändert, und dem Moment, in dem er das realisiert, schien ihm der unheimlichste, tragischste Aspekt des Lebens. Die Zukunft ist schon klar, ab er der Mensch wartet noch auf eine ganz andere Zukunft mit anderen Erwartungen und Träumen, ahnungslos, dass seine Zukunft längst besiegelt wurde. Die Ignoranz dieser Zwischenzeit war schrecklich und erschien ihm als größte Schwäche der Menschheit." Ich erinnere mich an diese Zeilen und beginne zu zittern...Ich hatte damals mein eigenes Schicksal gesehen, ohne es zu erkennen.... Mein Leben imitiert meinen Roman. Plötzlich höre ich Polizeistiefel. "Kommen Sie", sagt eine Stimme, " das Urteil wurde gefällt."....Die Polizisten bringen uns nach oben. Wir betreten den Gerichtssaal uns setzen uns. .... Der Vorsitzende Richter, dessen Augen sich hinter geschwollenen Lidern verstecken, verkündet das Urteil: "Lebenslang ohne vorzeitige Entlassung". Wir werden den Rest unseres Lebens allein in einer Zelle verbringen, die drei Meter lang und drei Meter breit ist. Wir werden eine Stunde am Tag dien Sonne sehen. Wir werden nie begnadigt werden. wir werden im Gefängnis sterben. ....Ich steige in den Hades hinab. Ich gehe in die Dunkelheit wie ein Gott..der sein eigenes Schicksal aufgeschrieben hat. Mein Held und ich verschwinden gemeinsam in der Dunkelheit.

An einer Straßen Unterführung, auch ziemlich Im Dunkeln, sah ich kürzlich eher per Zufall aus dem Auto ein Plakat von Amnesty International, wo dafür geworben wurde, sich für die Verurteilten in Amnesty-Kampagnen einzusetzen. Ein solches Urteil wie gegen diese fünf Männer ist im Grunde ein Anschlag auf alle Menschen. Wir, die wir das Glück haben, nicht betroffen zu sein, haben die Aufgabe, diese Willkürjustiz zu ächten und die Verurteilten nicht zu vergessen.


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RE: Schon mal was von Ahmet Altan gehört?

#2 von turmfalke , 11.03.2018 20:00

Lieber Joringel!

Ein erschütternder Bericht ! Das erinnert mich ganz an die Berichte der Gefangenen der Nazi Zeit. Gleich nach der Machtergreifung 1933 haben die Nazis willkürlich politische <gegner ohne Anklage eingesperrt und zu Zwangsarbeit verurteilt. Mehrere dieser Lager wurden im Emsland angelegt, z. B. in Esterwegen und Börger Moor bei Papenburg. Dort wurde das Lied von den Moorsoldaten geschrieben, mit dem die Gefangenen sich Mut zugesungen und ihre Peiniger überrascht haben. Viele von ihnen wurden nach einigen Jahren wieder freigelassen.

Die Herrschaft der Nazis konnte nur durch Gewalt in einem fürchterlichen Krieg gebrochen werden. Angesichts der Gräuel, die wir an den verschiedenen Kriegsschauplätzen im Nahen Osten aus der Ferne miterleben müssen, kannaber niemand wünschen, dass es zu einem Krieg gegen den türkischen Gewaltherrscher kommt. Aber was soll man machen?

Es überwiegt bei mir ein große Ratlosigkeit!

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RE: Schon mal was von Ahmet Altan gehört?

#3 von Joringel , 11.03.2018 20:48

Lieber Turmfalke,

Danke für Deine Rückmeldung. Natürlich habe ich auch kein Geheimrezept. Da ich aber die Aktivitäten der extremen Rechten hier bei uns
schon als sehr bedrohlich empfinde, die ihre menschenfeindlichen Gedanken wie ein schleichendes Gift leise in unsere Gesellschaft eintröpfeln lassen, finde ich es wichtig, den Wert unserer Gewaltenteilung und unser Justizsystem zu thematisieren und zu verteidigen. Dann müssten man drauf hinweisen, dass das viele Unrecht in der Türkei durch eine Schönwetter-Strategie noch längst nicht aufgehoben wurde. Der türkische Außenminister versucht ja schon die Bundesregierung zu bewegen, die Reisewarnungen zu lockern. Und dann denke ich, man sollte sich an den Kampagnen von Amnesty beteiligen.
Ich setze hier mal einen Link, mit dem man auf die entsprechende Seite kommt.

https://www.amnesty.de/allgemein/kampagn...eit-der-tuerkei

Da kann man Protestpostkarten schicken. Wenn Tausende kommen aus der ganzen Welt, kann die Türkei das Unrecht nicht auf ewig vertuschen. Allerdings macht es mir schwer zu schaffen, dass die hier lebenden Türken so blind hinter diesem Despoten herlaufen. Aber waren wir besser?

Es grüßt Joringel


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