Resilienz

#1 von Joringel , 21.03.2015 14:07

Worte sind Manifestationen von Gefühlen, Gedanken und Erfahrungen. Manchmal fehlen mir Worte. Dann begegnet mir plötzlich ein Wort, das ich schon lange gesucht habe.
So ein Wort ist Resilienz. Der Duden beschreibt es so:

Psychische Widerstandskraft; Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen

Herkunft aus dem Lateinischen: zurückspringen.

Luise Reddemann, Traumatherapeutin, nennt Resilienz "ein psychisches Immunsystem", das die innere Heilung unterstützt (s.a. Publik Forum Nummer 1 Januar 2015: S.40 "Die Kraft, trotzdem zu leben")

Ich würde mich freuen, wenn D.A.V.I.D.e.V. ein solches Thema als Referat anbieten könnte.
Was sich die Kirchenjuristen, die den Nachfolgeparagraphen zum Ungedeihlichkeitsparagraphen ohne große Skrupel trotz der Aufklärung von D.A.V.I.d.e.v. anwenden und durch faule Kompromisse am Schein der Gerechtigkeit mitwirken, wohl nicht vorstellen können, ist wie nachhaltig Pfarrerinnen und Pfarrer, die diese Mühle durchlaufen haben, in ihrem Selbstvertrauen geschädigt werden. Nicht nur weil sie oft mit läppischen Vorwürfen konfrontiert werden, die sich normalerweise leicht aufklären lassen, nein, es ist Kaltschnäuzigkeit mit der sie von ihrer Kirche fallen gelassen werden. Das hat Auswirkungen auf die ganze Familie!

Viele Betroffene könnten Hilfe im Sinn von Resilienz gebrauchen, aber oft schämen sich die Betroffenen auch sich und anderen einzugestehen, dass sie seelisch gebrochen wurden.

Vielleicht kennt ein Besucher unseres Forums einen geeigneten Refrenten für unsere Mitgliederversammlung?

Kommentare, wie Ihr es erlebt habt und Vorschläge sind herzlich willkommen.

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RE: Resilienz

#2 von turmfalke , 23.03.2015 14:29

Lieber Joringel!

Danke für das neue Wort "Resilienz". Das kannte ich bisher auch noch nicht.

Man kann ein Phänomen oder ein Themenfeld nur dann bewusst in den Blick nehmen, wenn man ein Wort dafür hat. Nun haben wir es damit vielleicht ein bisschen leichter.

Die Frage heißt also: Was hilft Mobbingopfern, wieder aufzustehen? Wie finden sie die "Resilienz", die dafür nötig ist?

Ich würde mich freuen, wenn sich hier im Forum ein lebhafter Meinungsaustausch dazu entwickeln könnte.

In der sehr ausführlichen thematischen Aufarbeitung zu dem Begriff Resilienz bei Wikipedia wurde darauf hingewiesen, dass Menschen, die in ihrem Leben schon mal die Erfahrung gemacht haben, in einer verlässlichen Gemeinschaften zu leben, in der Regel resilienter sind als Einzelgänger.

Mobbing bedient sich aber gerade der scheußlichen Methode, Menschen unmerklich aus einer Gemeinschaft auszuschließen und zu brandmarken als "sozial unverträglich". Resilient wäre dann ein Mobbingopfer, das einer solchen unterschwelligen Kampagne gegen sich keinen Glauben schenkt. Dann kann es vielleicht auch den anderen Menschen zeigen, dass es weiterhin stabil und verlässlich in der Gemeinschaft seine Aufgaben wahrnehmen kann.

Kurz: Mobbing bedeutet Vereinzelung. Bekämpfung von Mobbing muss diese Vereinzelung überwinden.

Dazu kann eine gewisse "psychische Immunität" hilfreich sein. Ebenso wichtig ist aber auch eine Schar von Menschen, die sich um das Mobbingopfer herumstellt und den Mobbingtätern gegenüber deutlich macht: Wir lassen diese Vereinzelung nicht zu!

Liebe Leute, berichtet doch mal von euren Erfahrungen zum Thema!
Viele Grüße von Eurem Turmfalken


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RE: Resilienz

#3 von Joringel , 24.03.2015 15:18

Hallo, Turmfalke,

Danke für Deine Rückmeldung. Ich kenne zwar eine Dame, die ein Buch zu diesem Thema schreibt. Ich habe sie schon in einem anderen Zusammenhang erlebt, bin aber nicht so überzeugt von ihr. Deswegen habe ich sie auch nicht als Referentin vorgeschlagen. Aber ich hatte mir schon erhofft, dass andere sich mal dazu melden oder Vorschläge machen. Ich glaube, Mobbingtäter tendieren dazu, ihre Rolle bei dem Geschehen vor sich und anderen klein zu reden. Manchen fehlt es einfach an Fantasie vorzustellen, was dadurch mit Menschen passiert. Aber ich habe auch schon einmal ein Referat von einem Arzt gehört, der solche "Fälle" in der Psychiatrie hat. Er sagte, wenn ich mich richtig erinnere, es dauere 2 - 3 Jahre bis das Opfer bereit ist in eine Klinik zu gehen und es dauere 2- 3 Jahre bis es sich wieder erholt hat.
Ich finde, es zeigt wie einschneidende solche Erfahrungen sind. Deshalb ist die Predigt von Karl Martin: Rette Dein Leben und sieh nicht hinter dich" immer noch gültig.

http://www.david-gegen-mobbing.de/filead...tin_Predigt.pdf

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RE: Resilienz

#4 von turmfalke , 24.03.2015 15:49

Ja genau, Joringel!

Das Mobbing hat ja gerade das Ziel zu erreichen, dass das Mobbingopfer sich minderwertig fühlt und sich selber so ansieht. Dagegen immun werden kann man nicht alleine ohne die Korrektur von anderen Menschen. Es braucht Leute, die weder Mobbingopfer noch Mobbingtäter sind, und die dem Opfer bestätigen können, dass es keinen Grund gibt, schlecht von sich selber zu denken.

Einen Vorschlag für eine Referenten oder eine Referentin kann ich auch nicht machen. Aber wie wär es denn, darauf zu vertrauen, dass die verschiedenen Betroffenen gemeinsam soviel Kompetenz versammeln, dass sie einen eingekauften Fachmann ersetzen können.

Viele Grüße vom Turmfalken!


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RE: Resilienz oder das gewisse Erleben

#5 von wilfried , 04.04.2015 05:25

Joringel und Turmfalke fragen, wie "man" es selber erlebt hat.

Das ist jetzt eine Beschreibung, und bitte nicht erschrecken, es ist wieder kein Hilferuf. Nur eine Antwort.



Resilienz? Auf Dauer, scheint mir, klappt das nicht mit der Immunität.



Zu Anfang dachte ich immer noch: "Das stecke ich weg."

Aber irgendwann wird jede(r) weich.

Die Hoffnung, andere würden sich einsetzen, in die Bresche springen, Einhalt gebieten - war eine Hoffnung. Mehr nicht.
Das Geplapper in der Mitarbeitervertretung, das Unverständnis, die spätere Isolation, die spätere Selbstisolation.

Gesprächstherapie, Reha, die Angebote von Medizinern von Pharmaka, den rebellierenden Körper, die widerstrebende Seele zur Raison zu bringen.
Gutgemeinte Ratschläge und: "Nehmen Sie das."

In der Reha musste ich bemerken, daß ich eigentlich als Referent in Sachen Mobbing hätte auftreten können; nur leider konnte ich die Dinge nicht erfolgreich für mich selber umsetzen.
Als einziger Weg war mir, den versuchten Blick von außen einzunehmen und so zu tun, als rate ich einem Menschen in einer der meinen vergleichbaren Situation.
Dann konnte ich mir einigermaßen raten - und den Rat dann doch nicht annehmen, weil es meistens mit materiellen Nachteilen verbunden gewesen wäre.

SSRI-Hemmer in der Situation kurz vor dem Arbeitsgerichtsverfahren ohne weitere therapeutische Begleitung, als Experiment; zudem sollte ich alleine zum Verfahren reisen, während der Reha.
Ich hatte noch den Humor, dem Mediziner das Herummedikamentieren als fachliche Fahrlässigkeit um die Ohren zu schlagen - was sogar erschreckt eingesehen wurde.
Gewisse fachliche Kenntnisse können da schon segensreich oder verhängnisvoll sein, je nach Sichtweise.
(NB: SSRI-Hemmer stärken den Antrieb, aber senken die Angst; ohne Begleitung droht in manchen Fällen eine gesteigerte Suizidalität)
An Ende wurde ich mit der bedauernden Begründung, man habe das Kontingent für Weiterbehandlungen überschritten, als "geheilt" entlassen, aber gleichen Tages noch mit einer Zwangseinweisung bedroht, weil ich mich einem Abschlußgespräch, weil als sinnlos empfunden, verweigerte. Mein Fazit: Auch in der Reha wird nur mit Wasser gekocht.

Psychopharmaka.
Während der Reha bat man mich, doch wenigstens mal etwas auszuprobieren; ich tat es und nahm voll die Nebenwirkungen mit. Statt ruhiger zu werden aber reagierte ich paradox, schlief nächtelang gar nicht mehr und nervte die Nachtwache mit meinem Bewegungsdrang, den man mir aber versagte, weil man mich nicht in die Nacht spazieren lassen wollte.
Leider war mein Leidensdruck nicht so groß, die Nebenwirkungen dauerhaft hinnehmen zu wollen. Ich wollte sie nicht, die Pillen, die mir das Leben rosarot färben sollten.

Also ohne Pharmaka. Wiewohl ich anderen nicht unbedingt abraten würde, Pharmaka können eine Hilfe sein. Das sollte man abwägen, zusammen mit guten Ärzten.

In der Zeit der Reha suizidierte sich ein prominenter Fußballer, Robert Enke.
Einerseits fand ich es wenig demütig, so öffentlichkeitswirksam aus dem Leben zu scheiden, zudem der Lokführer mein tiefstes Mitgefühl hatte, andererseits beneidete ich Herrn Enke um sein Totsein und seinen finalen Mut.
Die Gesellschaft verfiel in eine von mir so empfundene kollektive Trauer und vergaß dann gerne und schnell.
Derzeit ist der Themenkomplex "Depression" durch das französische Flugzeugunglück wieder sehr in den Fokus gerückt und ich befürchte, man wird alle Lebensmüden als potentielle Mörder beargwöhnen.
Auf eine gewisse Weise denkt man ja durchaus über Berufsverbote nach, aber ist das die Lösung?
Jedenfalls hatte ich mir geschworen, niemanden unnötig mit meinem möglichen Ableben zu behelligen und vor allem nicht noch selbst zum Mörder zu werden.

Vor einem Jahr aufgrund eines Ereignisses im Dienst ein akuter Psychiatrieaufenthalt.
Wieder die Angebote von Pharmaka, eine Woche Aufbewahrung, sonst quasi nichts.
Insbesondere frustrierend war der Kontakt zu der Anstaltsgeistlichen, der ich mein Problemfeld schilderte. So ein abwehrendes Desinteresse habe ich selten zuvor gespürt und das sagte ich ihr auch direkt ins Gesicht.
Am Folgetag hatte ich ausgerechnet mit dieser Geistlichen ein Seminar zum Thema "Sinn des Lebens" und sprach mit Mitpatienten darüber und über mein Gespräch mit ihr. Erst beim Aufstehen in der Kantine bemerkte ich, daß sie direkt hinter meinem Rücken gesessen hatte und mir zugehört hatte. Ich teilte ihr mit, die brauche nichts während des Seminars zu befürchten, da werde ich schweigen - und sie äußerte Erleichterung.

Der Klinikaufenthalt war aber nicht vergeblich, immerhin telefonierte ich noch aus der Klinik mit den Integrationsfachdienst und habe seitdem einen neutralen Menschen an meiner Seite, wenn ich mit meinem Arbeitgeber sprechen muss, wenn ich dieses möchte.
Eine der wenigen Hilfen, die ich als sehr hilfreich für mich wahrnehme.
Objektivität in der Begleitung. Moderation.


Gerade kürzlich bat mich ein Freund, ein wirklich guter, langjähriger Freund, ihn bis zur wirklichen Änderung meiner Lebenssituation mit Klagen zu verschonen.
Also schwieg ich und schweige ich und zog mich auch von ihm zurück, wie zuvor von vielen.

Auflösung der Lebenspartnerschaft im Rahmen des allgemeinen Rückzugs schon vor fast zwei Jahren.




Ich mache hier aus Zeitgründen mal einen Punkt.

Und noch einmal: Kein Hilferuf, nur eine Antwort auf die Frage, wie man es selber erlebt (hat).





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Ein vielleicht dazu passender Textauszug von Thomas Bernhard; aus: Frost



"Ich war auf einen schwierigen Fall vorbereitet, nicht auf einen hoffnungs-
losen. ›Charakterstärke, die zum Tod führt‹, dieses Wort aus einem schon
früh gelesenen Buch fiel mir ein, leitete die Gedanken ein, die ich nach-
mittags über die Person des Malers anstellte: wie kommt es, daß ihn nur
der Selbstmord beschäftigt? Darf Selbstmord einem Menschen soviel wie
geheime Lust sein, ihm so zusetzen, wie er will? Selbstmord, was ist das?
Sich auslöschen. Mit Recht oder nicht. Mit welchem Recht? Warum
nicht? Alle meine Gedanken versuchten sich an einem Punkt zu vereini-
gen, wo Antwort ist auf die Frage: ist Selbstmord erlaubt? Ich fand keine
Antwort. Nirgends. Denn die Menschen sind keine Antwort, können
keine sein, nichts, was lebt, auch nicht die Toten. Ich vernichte etwas, an
dem ich nicht schuld bin, indem ich Selbstmord begehe. Das mir anver-
traut ist? Von wem anvertraut worden? Wann? War ich mir damals be-
wußt, daß das geschah? Nein. Aber eine Stimme, die einfach unüberhör-
bar ist, sagt mir, daß Selbstmord Sünde ist. Sünde? So einfach? Todsünde?
So einfach wie Todsünde? Daß es etwas ist, das alles einstürzen läßt, sagt
die Stimme. Alles? Was ist denn ›alles‹? Sein Losungswort, ob er wach ist
oder in Schlaf versunken: Selbstmord! Darin erstickt er. Ein Fenster nach
dem andern mauert er zu. Bald hat er sich eingemauert. Dann, wenn er
nichts mehr sieht, weil er nicht mehr einatmen kann, ist er überzeugend:
weil er tot ist. Mir kommt es vor, als stände ich im Schatten eines mir
nahen Gedankengangs, des seinen: seines Selbstmords."


 
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zuletzt bearbeitet 04.04.2015 | Top

RE: Resilienz oder das gewisse Erleben

#6 von Joringel , 07.04.2015 10:52

Lieber Wilfried,

vielen Dank für Deinen offenen Bericht. Es ist eine schutzlose Offenheit, die viel Mut erfordert und das Risiko mit einschließt, dass andere einen nicht mehr verstehen. Als literarisches Dokument ist es einfacher. Es ist Literatur und so als ob man etwas zwischengeschaltet hat zwischen dem eigenen Erleben und der Umsetzung in eine sprachliche Form, ein kleines Spannung milderndes Umspannwerk. Persönlich glaube ich, dass diese Grenzbereiche der Verzweiflung über Musik authentischer ausgedrückt werden können. Aber das ist individuell ganz verschieden. Im Prinzip geht es um das zarte Pflänzchen Hoffnung. Auch wenn nur ein bisschen Hoffnung da ist, dann stimmt die Richtung schon, denke ich. Daraus kann Neues erwachsen, aber es braucht Zeit.

Du hast auf das Flugzeugunglück angespielt, das wahrscheinlich große Teile der Welt erschüttert hat. Ich gestehe, dass ich mich diesem Schicksal nicht mehr verstehend annähern kann und auch nicht will. Wahrscheinlich kann man es nur erfassen, wenn man sich in Kategorien von Krankheiten begibt.
Es gibt keine Menschwerdung ohne das Leben. Ehrfurcht vor dem Leben im Sinne Albert Schweitzers eröffnet eine ebenso universale und wie kreative Perspektive auf die Welt und einen selbst als Teil dieser Welt, die Schritte in Richtung Hoffnung möglich macht.

Herzliche Grüße
Joringel


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Unfassbar

#7 von wilfried , 07.04.2015 21:57

Zitat von Joringel im Beitrag #6
Ich gestehe, dass ich mich diesem Schicksal nicht mehr verstehend annähern kann und auch nicht will.



Da allerdings, um es klar zu sagen, @ Joringel, geht es mir ebenso. Es ist un-fassbar.

 
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Wieder aufstehen - aber wie?

#8 von wilfried , 08.04.2015 03:28

Zitat von turmfalke im Beitrag #2

Die Frage heißt also: Was hilft Mobbingopfern, wieder aufzustehen?



Die Diagnose beim Arzt lautet ja nicht auf "Mobbing", "Bossing" oder "Burnout", sondern meistens: "Depression".
Damit muß man sich erst einmal auseinandersetzen.

Ich bat mir bei dieser Diagnose einen Tag Bedenkzeit aus, bevor diese Diagnose aktenkundig wurde.
An diesem Tag beantwortete ich mir die Fragen
- kannst Du mit dieser Diagnose leben (Warum nicht?)
- brauchst Du eine Lebensversicherung (Nein)
- planst Du irgendwann in Deinem restlichen Leben einen Kredit aufzunehmen (Nein)
- kannst Du die Diagnose mit Deinem Beruf vereinbaren (Ja)
Es ist einfach so, daß gewisse Diagnosen den Wert eines Kreditnehmers oder den eines Arbeitnehmers stark reduzieren. Andererseits - was gibt es bei vorliegenden Fakten noch zu überlegen, wenn es fast nur noch um das kursfristige Überleben geht?

Man lernt Menschen in vergleichbarer Situation kennen, bei mir war es während der Reha, wo ich fand, daß es mir - verglichen mit anderen - noch gut ging.
Ich hatte nicht meine Stelle verloren, weil ich etwa beispielsweise ausgerastet war und einen Vorgesetzten geohrfeigt hatte. Nur dieses als einzelnes und harmloses Beispiel für zum Teil schlimme Schicksale, die ich kennenlernte.
Man lernt auch, daß Mobbing erst möglich wird, indem ein Opfer sich zu einem solchen machen lässt.

Man erfährt, daß man von "Gesunden" oft nicht verstanden wird (oder gar fast nie) und lernt, daß es unter "Kranken", Schicksalsgenossinnen oder - genossen viel einfacher ist, Verständnis zu finden.
Gleiches Erleben macht viele Worte, viel Erklären überflüssig; die wenigsten "Unbetroffenen" können verstehen, was in einem Mobbingopfer vorgeht. Es ist wie eine Mauer zwischen "Betroffenen" und "Unbetroffenen".

Der Blick auf andere Menschen in ähnlicher Lage, oft viel schlimmerer Lage, macht demütig und dankbar; es hätte ja auch noch viel schlimmer kommen können.

In der Reha wurde ein kleines Ereignis für mich zentral:
Therapeutin: "Herr W, wir können sie ärgern, so viel wir wollen, sie regen sich ja niemals auf."
Ich: "Woher wollen sie wissen, daß ich mich nicht aufrege, wenn sie mich ärgern?"
Therapeutin: "Aber jedenfalls bemerkt man ihren Ärger nicht."

Ich hatte eine Fassade aufgebaut, wodurch der Angreifer/die Angreiferin nicht bemerkte, wann ich denn endlich "getroffen" war - mit der Folge, daß weitergemacht wurde, bis ich Wirkung zeigte.
Ich mußte mir angewöhnen, wenigstens eine verbale Wirkung oder einen "Theaterdonner" zu äußern, damit mein Gegenüber erfuhr, daß die Botschaft angekommen war und aufhören konnte.
Ich schuf eine gewisse Offenheit im Betrieb und informierte Kolleginnen darüber, wenn ich mit merkwürdigen Dingen konfrontiert wurde.

Ein Mobbingtagebuch ist sehr zu empfehlen, die Dokumentation " wer hat wann was gesagt/getan/geschrieben".
Den Mobbern klarmachen, daß ihr Handeln nicht stillschweigend hingenommen wird, sondern wahrhaftig, ohne Übertreibung öffentlich gemacht wird.

Die Attacken werden dann zwar subtiler, aber aushaltbarer.


Und nicht zuletzt: Lernen, daß zwar Arbeit das halbe Leben ist, aber daß die andere Hälfte auch wichtig ist.

Für mich wurde klar, daß ich in angeschlagenem Zustand auch meine Funktion als Mitarbeitervertreter nicht mehr im von mir selbst erwarteten Sinn würde aussfüllen können. Mit dem Balken im eigenen Auge ist es schwer, den anderen mit dem Splitter beizustehen, um es einmal bilblisch auszudrücken ;-)

Nicht zuletzt hatte ich eine monatelange Auszeit, mir von den Ärzten verordnet, wo ich alles tun sollte, was mir gut tat. Und den Rest lassen.
Die liebe Umwelt sieht natürlich: Da ist jemand, der hinkt nicht, lacht und genießt das Leben; warum arbeitet der nicht?
Seelischen Schmerz sieht man nicht. Die Umwelt reagiert mit Unverständnis. Auch damit muß man lernen, umzugehen.
Lernen, die Frechheit zu haben, die ärztliche Empfehlung den Leuten notfalls vor den Kopf zu schlagen: "Ich soll das Leben genießen."


Wieder ist es nur ein Schlaglicht geworden, ein Versuch einer Antwort.
Und jedem wird es zudem individuell anders gehen, jede Situation braucht ihre eigenen Bewältigungsmechanismen.


 
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zuletzt bearbeitet 08.04.2015 | Top

RE: Wieder aufstehen - aber wie?

#9 von Pirat , 09.04.2015 12:26

,"dass Mobbing erst möglich wird, indem ein Opfer sich zu einem solchen machen lässt" --lieber Wilfried, dieser Satz ist in deinem sonst hilfreichen Artikel ein
Ausrutscher. Pauschalisiert würde das ja (geradezu faschistoid) heissen:" Die Opfer sind doch alle selber schuld". Dem widerspreche ich ,denn gegen Hinterlist und Niedertracht ist kein Kraut gewachsen.Weil Druck nur noch mehr Gegendruck erzeugt. Es ist wie beim Schachspiel : Wenn einer sich nicht an die Regeln hält, verliert der
Ehrliche unweigerlich. Wenn er gegenmobbt, entsteht Chaos, das natürlich nur dem angelastet wird, der im Licht der Öffentlichkeit und dem Zentrum des Klatsches steht.

Mobbing ist nämlich ziemlich genau das, was in der Literatur als Intrige und Verstellung(Maskierung) die Trägödie auslöst.Wenn dir Informationen vorenthalten werden, merkst du das erst , wenn es zu spät ist. Wenn ein Pastor dann eine Dienstaufsichts-Beschwerde anstrengt, geht ein shitstorm aller Mitarbeiter los, nach der oft gehörten
moralinsauren aber nebelhaften "Begründung" --Er lebt anders, als er predigt! Ist halt so. Scheinheilige Moralisten schiessen aus dem Hinterhalt und der Pastor muss von Berufs wegen alles vergeben -sonst Gnade ihm Gott- die "Frommen" tun es nicht. So etwas macht schnell die Runde als Gerücht,-grade bei denen, die (ausser Weihnachten)
nie Predigten hören oder gar sich danach richten. Hoch interessante Lektüre: Peter von Matt: Die Intrige /Theorie und Praxis der Hinterlist (In der Literatur)

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Kein Ausrutscher, vielleicht eine Formulierungsunschärfe

#10 von wilfried , 10.04.2015 00:02

Zitat von Pirat im Beitrag #9
,"dass Mobbing erst möglich wird, indem ein Opfer sich zu einem solchen machen lässt" --lieber Wilfried, dieser Satz ist in deinem sonst hilfreichen Artikel ein
Ausrutscher.



Vielleicht habe ich es nicht gut ausgedrückt:
Mobbing ist zwar möglich, aber seine verheerenden Auswirkungen kann das Opfer (möglicherweise, teilweise) parieren, indem es nicht (falsch) reagiert.


Leider ist es nicht immer möglich, sich derart zurückzunehmen - und manchmal auch nicht ratsam.
Den perfekten Weg gibt es nicht.

Es ist ganz wichtig, nicht das Opfererleben zu verinnerlichen und daran zu erkranken, denn dann beginnt ein wahrer Teufelskreis; das in meinen Augen größte Problem daran, denn irgendwann brauchen die Mobber gar nicht mehr viel zu mobben; das Opfer erledigt sich teilweise selbst.

Hier kommen wir wieder zum Thema "Resilienz".
Unterstützung der verbliebenen Kräfte und der Selbstheilungskräfte, abgesehen von der Annahme jeglicher denkbaren externen Unterstützung.


 
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zuletzt bearbeitet 10.04.2015 | Top

RE: Kein Ausrutscher, vielleicht eine Formulierungsunschärfe

#11 von Joringel , 13.04.2015 11:03

Liebe Mitdiskutierer,

meiner Meinung nach habt Ihr beide Recht. Denn bei Mobbing werden Ausmaß, Tempo und Dreistigkeit der Schritte von anderen vorgegeben. Sie sind wie Heckenschützen. Alles, was dem Mobbing dienlich ist, wird hinter der Hecke ausgeheckt und durchgeführt. Der Betroffene kann das nicht beeinflussen, es ist ja mut-willig.
Aber derjenige, dem es passiert, dem passiert es in der Regel gerade zum ersten mal. Es ist wie beim Hausbau. Man macht Fehler mangels Erfahrung und rennt oft ins offene Messer. Aber was es auch immer ist - ob geweint, geschrieen, juristisch argumentiert, Schriftsätze formuliert oder was auch immer, es ist auf jeden Fall falsch. Geweint oder geschrieen bedeutet "psychisch nicht belastbar". Juristische Schritte bedeuten " ist nicht konfliktfähig", Schriftsätze werden als "kleinkariert" vom Tisch gewischt usw. usw. Das Urteil steht bereits fest. Ich will der damit sagen, der Weg zum Selbst-Vertrauen und zur Resilienz ist nicht leicht. Er wird leichter, wenn man gute Freunde hat oder sich Hilfe holt, soviel man bekommen kann.
Joringel


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Vortrag von Edmund Käbisch
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