Advent

#1 von Joringel , 08.12.2018 19:59

Advent

Komm in unsre stolze Welt,
Herr, mit deiner Liebe Werben.
Überwinde Macht und Geld,
lass die Völker nicht verderben.
Wende Hass und Feindessinn
auf dem Weg zum Frieden hin.

Komm in unser reiches Land,
Herr, in deiner Armut Blöße,
dass von Geiz und Unverstand
willig unser Herz sich löse.
Schaft aus unserm Überfluss
Rettung dem, der hungern muss.

Komm in unser dunkles Herz.
Herr, mit deines Lichtes Fülle,
dass nicht Hochmut, Angst und Schmerz
deine Wahrheit uns verhülle,
die auch noch in tiefer Nacht
Menschenleben herrlich macht.

Komm in unsre laute Stadt,
Herr, mit deines Schweigens Mitte,
dass, wer keinen Mut mehr hat,
sich von dir die Kraft erbitte,
für den Weg durch Lärm und Streit
hin zu deiner Ewigkeit.

Komm in unser festes Haus,
der du nackt und ungeborgen.
Mach ein leichtes Zelt daraus,
das uns deckt kaum bis zum Morgen,
denn wer sicher wohnt, vergisst
bald, dass unterwegs er ist.

Autor: Hans von Lehndorff

(Dies Gedicht wurde heute auf einer Adventsfeier vorgetragen. Vielleicht hat jemand von Euch auch einen Text, der euch beeindruckt hat.)


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RE: Advent

#2 von Joringel , 12.12.2018 13:49

Da niemand sich zu dem Text des Adventsgedichtes/Liedes geäußert hat, tue ich es mal selbst.
Wer ist dieser Hans von Lehndorff (1910 -1987), der dieses intensive Gedicht geschrieben hat? Ich finde, man fühlt gleich, dass mehr dahintersteckt als nur Erbauliches.
In Wikipedia liest man in wenigen Zeilen über ein atemberaubendes Leben:

Hans Graf von Lehndorff, der Medizin studiert hatte und Chirurg geworden war, kam als Assistenzarzt am Kreiskrankenhaus in Insterburg Ende 1941 mit einer Gruppe evangelischer Laien in Kontakt, die sich in einer Zeit wachsender politischer Bedrängnisse zusammengefunden hatten. Von dieser Gruppe führten ihn Wege in die evangelische Bekennende Kirche und in den inneren Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Zur Wehrmacht wurde Lehndorff wegen Unabkömmlichkeit im Krankenhaus nicht eingezogen.

Lehndorff leitete Anfang 1945 ein Lazarett in Königsberg und erlebte die Schlacht um Königsberg und die Einnahme der Stadt durch die Rote Armee. Unter monatelangem Beschuss der weitgehend eingeschlossenen und zerstörten Stadt durch Artillerie und Tiefflieger versorgte er Verwundete, Kranke und Gebärende in Krankenhäusern, Bunkern und Kellern, hielt Andachten und Bibellesungen ab. Eine Gelegenheit zur Flucht aus der Stadt nahm er nicht wahr, auch motiviert durch seinen christlichen Glauben. Lehndorff arbeitete ärztlich weiter, auch als sich die Situation in Königsberg nach Eroberung durch die Rote Armee mit Plünderungen, Morden und Massenvergewaltigungen in der durch Brandstiftungen in ein Flammenmeer verwandelten Stadt zur Apokalypse steigerte. „Ich bin so ausgelöscht, daß ich nicht einmal mehr beten kann“, „Das ist der Mensch ohne Gott, die Fratze des Menschen“, „Kann man überhaupt von diesen Dingen schreiben, den furchtbarsten, die es unter Menschen gibt?“[1] Lehndorff machte auch die zeitweilige Austreibung der Königsberger Restbevölkerung im April 1945 ins Samland mit, kam in das Internierungslager Rothenstein des NKWD und setzte dann in der von Hunger, Seuchen und massenhaftem Sterben heimgesuchten Stadt seine ärztliche Tätigkeit unter Extrembedingungen bis Oktober 1945 fort. Dann schlug Lehndorff sich in das westliche Ostpreußen und angrenzende Westpreußen durch, eine Region, die er aus Kinder- und Jugendzeiten durch Besuche bei seinen Großeltern gut kannte. Er lebte unter elenden Bedingungen illegal zwischen restlichen Deutschen, Polen und sowjetischen Besatzungssoldaten. Häufig auf der Flucht, war er mit ärztlichen Hilfsleistungen tätig und erhielt dafür Naturalien. Auf dem Gutsfriedhof von Januschau brachte er die aufgewühlten Gräber seiner Verwandten provisorisch wieder in Ordnung. Neben den Vorfahren mütterlicherseits ruhten dort zwei seiner Brüder. Lehndorff spürte auch die Stelle im Ort Kontken bei Stuhm auf, wo seine Mutter, ein Bruder und sechzehn andere Mitglieder des Trecks aus Januschau von Rotarmisten erschossen worden waren.[2] Sie waren erst Wochen nach ihrem Tod vor Ort in einem Massengrab beerdigt worden. Aus Rosenberg, wo Lehndorff zuletzt im Krankenhaus gearbeitet hatte, durfte er dann im Mai 1947 nach Deutschland ausreisen.

Seine Erlebnisse von 1945 bis 1947 nach der Eroberung seiner Heimat durch sowjetische Truppen legte Lehndorff in seinem Ostpreußischen Tagebuch nieder, das bis in die 2000er Jahre immer wieder Neuauflagen erlebte und auch verfilmt wurde. Die Kaliningrader Zeitung Nowyje Koljossa veröffentlichte einen Auszug in russischer Übersetzung.[3]


Ich wage mal den Versuch zu deuten, was in ihm vorging. Vielleicht fühlte er sich in der wohlsituierten Bundesrepublik manchmal wie im falschen Film? Kleine Gedanken und Sorgen, die hauptsächlich um das Selbst kreisen? Sich selbst im Brustton der Überzeugung als "Christ" zu verstehen ohne wirklich danach zu handeln, außer vielleicht einer kleinen Spende in den obligatorischen Korb und dem Besuch eines Gottesdienstes? Das Gedicht wurde 1967 geschrieben, aber ich erlebe es als sehr aktuell - wenn man diese stille Bitte liest oder hört.


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RE: Advent

#3 von Rosmarie , 14.12.2018 13:18

Ja, liebe Joringel, manchmal ist man ganz erfüllt, wenn man ein so schönes Gedicht hört.
Mir erging es mit dem Gebet bei den Losungen am 6.12. so. Dort steht:
Geborgen, geliebt und gesegnet,
gehalten, getragen, geführt besingen wir Gott.
Er begegnet im Wort, das uns heute berührt. (Georg Schmid)

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RE: Advent

#4 von turmfalke , 14.12.2018 18:09

Lieber Joringel!

Ich war in diesen Tagen zu sehr beschäftigt, um dir schon eher antworten zu können.

Ja, dieses Gedicht von Hans von Lehndorf ist sehr beeindruckend. Weißt du auch, dass man es singen kann. Es erscheint im Evangelischen Gesangbuch unter der Nr EG 428. Das ist leider nicht der Abschnitt zum Advent, sonst wäre das Lied vielleicht ein wenig bekannter geworden. Nun erscheint es im Kapitel "Erhaltung der Schöpfung", also um Zusammenhang der gesellschaftskritischen neuen Lieder der 68er. Dabei war der Autor älter als die Generation der Studentenrevolte. Er war ja schon 1910 geboren und war wärend des Krieges schon ein Arzt gewesen.

Mit Deiner Interpretation hast du sicherlich recht: Der nachdenkliche Text ist eine Antwort auf die Öberflächlichkeit in unserer Wohlstandgesellschaft, die sich schon bald nach dem Wirtschaftwunder wieder bei der Deutschen Bevölkerung eingestellt hat. Vielleicht enthält er sogar eine versteckte Anfrage an die demonstrierenden Studenten von damals: "Wollt ihr nur Kravall machen, oder seid ihr auch bereit euren Lebensstil zu ändern und auf manchen überflüssigen Luxus zu verzichten?" - Vielleicht ist es so: Gerechtigkeit kann es nur geben, wenn der begünstigte Teil unserer Bevölkerung lernt, bescheidener zu leben.

Das Lied hat auch eine eindrückliche melancholische Melodie, die man ebenso im Gesangbuch findet.

Dann ist mir aber auch aufgefallen, dass in der Fassung, die du zitierst, die Reihenfolge der Strophen anders ist als im Gesangbuch. Im Gesangbuch erscheint die Strophe "Komm un unser dunkles Herz" als 5. und letzte Strophe. Ich finde, das macht Sinn: So wird eine Bewegung von außen nach innen beschrieben: Welt, Land, Stadt, Haus, Herz. Es verändert sich vermutlich nur etwas in dieser Welt, wenn die Nachdenklichkeit ankommt im Herz von einzelnen Menschen.

Ganz spannend wäre es, wenn Du dieses Gedicht mal deinen Flüchtlingen vorstellen würdest. Wie erleben wohl Menschen, die so schlimme Dinge im Leben gesehen haben, die vollen Regale in unseren Supermärkten und das Gedudele in unseren lauten Strassen ?

Viele Grüße und eine schöne und stille Adventszeit wünscht Dein Turmfalke


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RE: Advent

#5 von Robin , 07.01.2019 17:36

Ich war schon lange nicht mehr im Forum unterwegs und versuche aufzuholen. Hans Graf von Lehndorf ist berühmt geworden durch das "Ostpreußische Tagebuch", in dem er die Einnahme Königsbergs durch die russischen Truppen beschreibt, das Chaos der flüchtenden deutschen Bevölkerung, die Vergewaltigungen, die keine Frau, kein Mädchen verschonten usw. Er ist noch einige Monate durch Ostpreußen geflüchtet, ehe er sich nach Berlin durchschlug. Die "Insterburger Jahre" beschreiben seine Begegnung und Hinwendung zu Christen der Bekennenden Kirche in den Jahren davor. "Pferde, weites Land" beschreibt seine Kindheit auf dem Trakehner-Gestüt, das sein Vater leitete. 2 Brüder gefallen. Der älteste Bruder und die Mutter beim Treck, durch die Russen eingeholt, erschossen.
Später war Lehndorf Chirurg und Chefarzt in einer Bonner Klinik.
Aber das "Ostpreußische Tagebuch" sollte man auch heute noch lesen.
Robin


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Eine Frage im Zusammenhang mit der Jahrestagung von D.A.V.I.d.e.V.
Vortrag von Heribert Prantl zum Thema: Kirche

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