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Die Würde des Predigtamtes

#1 von Joringel , 25.02.2015 16:37

Liebe Besucher unserer Homepage,

schon oft hat der Verein D.A.V.I.D.e.V. darauf aufmerksam gemacht, wie durch gewisse Paragraphen des Pfarrerdienstgesetzes Willkür und Mobbing Tür und Tor geöffnet werden. Die Vorsitzende des Vereins, Frau Prof. Dr. Gisela Kittel, hat nun einen neuen Artikel zu diesem Thema im Deutschen Pfarrerblatt mit oben stehendem Titel veröffentlicht. Anhand von zwei aktuellen Beispielen zeigt sie auf, wie die Maschinerie zielstrebig und bis zum bitteren Ende in Gang gesetzt wird. Es wäre schön, wenn Ihr den unten stehenden Link nicht nur anclicken und lesen würdet, sondern auch von der Möglichkeit zu einem Kommentar Gebrauch machen könntet. Offensichtlich muß noch viel geschehen bevor sich zum Thema Mobbing in der Kirche etwas bewegt.


http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblat...?a=show&id=3762


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zuletzt bearbeitet 25.02.2015 | Top

RE: Die Würde des Predigtamtes

#2 von yathabhutan , 06.03.2015 20:02

Mich würde mal interessieren, wie viele sogenannte Ungedeihlichkeitsverfahren wohl gegenwärtig bundesweit insgesamt anhängig sind? Oder wie oft überhaupt Pfarrerinnen und Pfarrer mit Hilfe des Ungedeihlichkeitsparagraphen aus ihrer Pfarrstelle vertrieben wurden?

Gibt es da gesicherte Zahlen? Wenn nicht, könnte man ja mal die Landeskirchenämter in Deutschland anschreiben und höflich nachfragen. Auf die Antworten wäre ich echt gespannt….

Herzliche Grüße von yathabhutan.

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RE: Die Würde des Predigtamtes

#3 von Robin , 06.03.2015 21:11

Nach Auskunft des Kirchenamtes in Hannover, Rechtsabteilung Dr. Thiele, gibt es nur ganz, ganz wenige Fälle, da der ominöse Paragraph ja immer nur als "ultima ratio", wenn nichts anderes mehr geht, angewandt würde. Die Landeskirchen haben eben eine andere Statistik. Wenn jemand am Ende, zermürbt und zerschlagen, freiwillig geht oder wenn es dann doch zu einem Vergleich kommt, zählen diese Fälle natürlich nicht mit. Überhaupt wirkt die Androhung des Ungedeihlichkeitsverfahrens, verbunden mit einem "fürsorglichen" Angebot, den Betroffenen doch irgendwie "auffangen" zu wollen, dahin, dass die meisten Geschichten nicht publik werden, was die Kirchen ja auch wollen.
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RE: Die Würde des Predigtamtes

#4 von turmfalke , 06.03.2015 21:15

Lieber Yathabutan!

Auf deine Frage können wir natürlich keine exakte Antwort geben. Mir sind gegenwärtig drei Verfahren bekannt, die aktuell verhandelt werden, deins und noch zwei weitere. Drei weitere Verfahren sind in Laufe der vergangenen zwei Jahre nach langen Auseinandersetzungen bendet worden. Die Dunkelziffer von Fällen, bei denen es gar nicht zu einem Verfahren gekommen ist, weil der oder die Betroffene vorher das Feld geräumt hat, ist sehr viel höher. David verwaltet eine risiges Archiv von Mobbingfällen, die in den
vergangenen 15 Jahren begleitet oder beobachtet worden sind. Darunter ist eine große Anzahl an Ungedeihlichkeitsverfahren.

Die Geschichten sind sehr verschieden. Die Muster sind dennoch vergleichbar. Der Ungedeihlichkeitsparagraf, nach den neuen Pfarrdienstgesetz der EKD enthalten in den §§ 79 und 80, muß als Rechtsgrundlage herhalten, wenn ein Kirchenvorstand oder eine Kirchenleitung vorhat, einen Pastor oder eine Pastorin aus dem Amt zu vertreiben und andere "Mittel" nicht "geeignet" erscheinen. Wenn es z.B. keine tragfähigen Gründe für ein Disziplinarverfahren gibt, oder wenn der Pastor alle Hinweise, die ihn einschüchtern sollen, ignoriert, dann kritisiert man solange an ihm herum, bis er beginnt sich zu wehren. Dann kann man sagen: Siehste! Sie streiten sich, das ist ungedeihlich, der Pastor muss weg. Dann wird es sehr schwer, den Kopf aus der Schlinge zu winden.

Eine Anfrage bei den Landeskirchenämtern ist natürlich zwecklos, wenn man Zahlen erfragen will. Da bekommen wir keine ehrliche Antwort. Die kirchliche Obrigkeit ist in dieser Beziehung unser Gegner. David und andere Mitstreiter haben im vergangenen Jahr aber mehrfach die Ämter und auch das Kirchenamt der EKD angeschrieben und ein Gespräch über eine Änderung des Gesetzes eingefordert. Da sind wir bisher nur auf Ablehnung gestoßen. Wir bleiben aber am Ball.

Wichtig sind gute Dokumentationen. Deshalb möchte ich auch Dich bitten, möglichst genau schriftlich festzuhalten, was dir passiert ist und was dir in der Folge noch passiert.
Im Verfahren muss man sehr genau sagen können, was, wann und von wem gesagt oder geschrieben worden ist.

Auch ein Gedankenaustausch mit den verschiedenen Betroffenen ist sinnvoll, um sich gegenseitig aufzubauen und um Strategien abzusprechen.

Viele Grüße! Turmfalke


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RE: Die Würde des Predigtamtes

#5 von yathabhutan , 06.03.2015 22:23

#robin, turmfalke

Aaaahja. Das leuchtet ein.

„Fürsorgliche“, aber dennoch unannehmbare, Angebote habe ich in meiner nun schon fast fünf Jahre dauernden Verfahrensgeschichte mit meinem Dienstherrn auch schon so einige bekommen. Nimmt man sie nicht an, ist die Verfahrensgegnerin Kirche nicht amüsiert - und es folgt die nächste Attacke, die nächste Unterstellung, das nächste Verfahren. Kirchliche Stellen können sehr erfindungsreich sein, aber sie handeln unabgestimmt. Das immerhin ist ein Pluspunkt für den Ungedeihlichen.

Auf Dauer ist das nicht auszuhalten. Weitersegeln oder Beidrehen? Muss man jedes Mal alleine entscheiden und abwägen, denn nur man selbst (und die Angehörigen) bezahlt den Preis. Die Entscheidung kann einem niemand abnehmen.

Aber ich könnte mir noch einen anderen Grund vorstellen, warum ungedeihlich gewordene Kolleginnen und Kollegen den Weg oft nicht zu Ende gehen: weil sie sind nämlich Pfarrerinnen und Pfarrer aus Überzeugung, Berufung, Hingabe … . Sie wollen ihrer Kirche keinen Schaden zufügen, sie nicht enttäuschen, nicht aus der Reihe tanzen, sie wollen angenommen werden. Auf diesen Gedanken würde man bei kirchenleitenden Stellen offenbar überhaupt nicht kommen. Sie wissen gar nicht, wen sie kaputt machen.

Schade ich als Ungedeihlicher der Kirche? Auch für mich ist das ein Aspekt und ständiger Gewissensbiss. Bisher ergab die Abwägung, dass Schweigen meiner Kirche mehr schaden würde als Widerstehen.

Also meine Sachen habe ich bestens dokumentiert. Wem´s nützt. … aber Achtung: man bekommt ´ne Kirchenallergie davon.

Grüße von yathabhutan

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RE: Die Würde des Predigtamtes

#6 von turmfalke , 07.03.2015 11:39

Ja, lieber Yathabutan!

Diese Kirchenallergie kenn ich auch. Man muss vorsichtig sein und sich nicht zu lange am Stück mit den giftigen Akten beschäftigen. Und man muss sich zum Ausgleich auch manche guten Erfahrungen gönnen, die es ja vielleicht auch noch gibt im Leben.

Nachgeben oder Widerstand leisten. Das ist immer wieder die Frage. Was kann man aushalten? Was ist noch sinnvoll? Doch, ich denke, es ist durchaus sehr wichtig, dass es Leute gibt, die sich nicht alles gefallen lassen. Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte und ein besseres Arbeitsklima sind nicht vom Himmel gefallen. Sie sind von entschiedenen Menschen erkämpt worden, die bereit waren, dafür Opfer zu bringen.

Die kirchlichen Institutionen werden immer versuchen, jeden Konfliktfall herunterzuspielen. Auf dem Spiel steht aber nicht nur das saubere Ansehen der Kirche in der Öffentlichkeit, sondern auch unsere Glaubwürdigkeit bei den Menschen in den Gemeinden. Sie müssen so eine schreckliche Geschichte aus der Nähe mitverfolgen und können sich kaum dagegen wehren. Eine Gemeinde, die miterleben muss, wie KV und Kirchenleitung ihren Pfarrer ohne Grund weggejagen, wird langfristig geschädigt. Da hat es dann auch ein Nachfolger - und wenn er noch so eine gute Arbeit leisten sollte - sehr schwer, das verlorene Vertrauen in die Kirche als Vermittlerin des christlichen Glaubens wieder zurückzugewinnen. Das war für mich ein wichtiges Motiv für meinen Widerstand.

Ich träume auch noch davon, dass es uns einmal gelingen wird, den Verantwortlichen bei den Kirchenleitungen das Problem so glasklar darzustellen, dass sich etwas ändert.

Viele Grüße vom Falken


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RE: Die Würde des Predigtamtes

#7 von yathabhutan , 07.03.2015 21:41

Lieber Turmfalke,
genau. Du weißt, wovon ich spreche.
Herzliche Grüße von yathabhutan

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