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Aufklärung

#1 von Trottologe , 07.01.2014 13:06

Liebe (offensichtlich) Mitdenkende!

Auch auf die Gefahr hin, hier als eine Art "Oberlehrer" missverstanden zu werden, lasse ich Euch einen kurzen Eintrag aus dem Kunstlexikon von Hartmann (online) zukommen; ich kann mich nämlich schon lange nicht mehr des Eindrucks erwehren, dass wir in unserer Gesellschaft weit hinter die Aufklärung zurückgefallen sind (in der Kirche freilich allzumal). Erstmals begegnete ich diesem Eindruck in e. Beitrag des Wissenschaftstheoretikers Paul K. Feyerabend: Die Aufklärung hat noch nicht begonnen, in: Paul Good/ P. Feyerabend (Hg.): Von der Verantwortung des Wissens. Positionen der neueren Philosophie der Wissenschaften (1982), es N.F. 122. - Aufklärung ist freilich unbequem, aufrüttelnd, aufrührerisch, aber auch belebend, erfrischend!

Man könnte meinen, das sei "sehr hoch" angesiedelt oder aufgehängt; doch wissen wir doch inzwischen, dass die früher scheinbar klaren Grenzen zwischen den sozialen Schichten und der Bildungsebenen seit der sog. Postmoderne so nicht mehr realistisch sind, falls sie es jemals waren. Mein bester Freund während der längsten Zeit m. Gymnasialjahre kam aus ähnlichen "einfachen" Verhältnissen (wobei er bei der Großmutter lebte und alkohol- und drogengefährdet war) wie ich (ich wuchs "nur" ohne Vater auf); er lernte Schriftsetzer - kurz vor der Umstellung auf Photosatztechnik. Okay, wir "sumpften" viele Nächte herum, und ich erschien aschfal am nächsten Morgen in der Schule (oder gar nicht), aber wir lasen einige der griech. Philosophen der Antike, solche aus der Aufklärung und des dt. Idealismus, vor allem aber Nietzsche. Wir diskutierten darüber, manchmal auch mit Empfänglichen in Studentenlokalen (Lokale für Studierende muss man wohl heute sagen, aber der inklusive Sprachgebrauch ist ein anderes Thema) und genossen diesen Gedankenaustausch ebenso wie Bier und den Verzehr an der Currybude). Mein Freund lud mich meist von seinem Lehrlingsgehalt ein!

Ich habe auch in Fabriken Arbeiter (Malocher) kennengelernt, die einen erstaunlichen Bildungsgrad aufwiesen, weil sie einfach Interesse an geistigen oder künstlerischen Bereichen hatten. Okay, dass heutzutage ein Liebhaber klassischer Musik ein Punkkonzert oder Auftritte von Hipp-Hopp-Gruppen besucht, oder dass sich umgekehrt ein Punker in eine Aufführung mit Andrea Bocelli "verirrt", wäre vor 50 J. sicher noch nicht möglich gewesen; dies ist sicher ein Phänomen der Postmoderne (s. die Arbeit: "Erlebnisgesellschaft"; Autor ist mir entfallen).

"Junge, komm auf den Punkt!" - Also, was ich sagen oder wofür ich werben möchte: Schöpft das im Studium und später durch persönl. Interesse Erworbene aus und bringt es unter die Leute! Viele Menschen sind nach m. Erfahrung dankbar für Aufklärung, gerade auch im religiösen Bereich. Da haben wir doch ein großes Potential. Und selbst wenn - wie viele befürchten - 50% der Kerngemeinde "laufen geht", den Gd. fernbleibt, viell. sogar aus der Kirche austritt; vermutlich kommen dann aber von all denen, die bisher nur an den Rändern der Kirche lebten, wieder oder erstmalig, vorausgetzt allerdings sie sind überhaupt willkommen. Denn es werden viele sein, die "unbequeme" Fragen stellen oder Reformvorschläge unterbreiten, welche die "ewig Gestrigen" noch mehr abstoßen ...

Ich bin gespannt (auch wenn ich kein "Robin Hood" bin) wie ein Flizebogen auf Eure Reaktionen! - Schalom!

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RE: Aufklärung

#2 von Trottologe , 07.01.2014 13:10

Sorry, jetzt hatte ich vor lauter innerem Engagement den angekündigten Eintrag von Hertmann's Kunstlexikon vergessen:

Aufklärung . Obwohl Ansätze schon während Reformation und Renaissance spürbar waren, trat verstärkt erst im 18. Jh. eine Geisteshaltung auf, die die Vernunft über herkömmliche Traditionen und Normen stellte. Es erfolgte ein Wandel der gesamten Lebensumstände der Menschen, deren Duldsamkeit und Obrigkeitshörigkeit verschwanden, verbunden mit den Forderungen nach Selbstbestimmung, einer Reform der Rechtspflege, der Bauernbefreiung usw. Bezogen auf die Kunst, begann die Epoche der Aufklärung am Übergang vom Barock zum Rokoko und setzte sich dann im Klassizismus fort. In der Kunst erfolgte eine gewisse Verweltlichung, d. h. auch religiöse Themen wurden nüchtern und frei von Pathos wiedergegeben. Man wehrte sich gegen dogmatische Festlegungen und kirchliche Bevormundungen. Beliebt wurden Darstellungen von Wissenschaftern und Seefahrern sowie deren Entdeckungen.

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RE: Aufklärung

#3 von Achim , 07.01.2014 16:41

Lieber Trottologe,

da bin ich schon wieder. Herzlichen Dank für Dein Engagement. Ich lese bei Dir:

" Schöpft das im Studium und später durch persönl. Interesse Erworbene aus und bringt es unter die Leute! Viele Menschen sind nach m. Erfahrung dankbar für Aufklärung, gerade auch im religiösen Bereich. Da haben wir doch ein großes Potential...."

Lass ´die Nichttheologen unter uns doch bitte anhand von Beispielen wissen, wie das konkret aussehen kann oder soll. Herzlichen Dank!

LG

Achim


Gemeinsam sind wir stark!

 
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RE: Aufklärung

#4 von Trottologe , 07.01.2014 19:31

Lieber Achim!
Was wir hier praktizieren, sollte und könnte auch in Gemeinden geschehen: Frage - Antwort - Frage usw.; lebendige Dialoge, aufrichtiges, neugieriges oder einfach klärungsbedürftiges Nachfragen; so werden Gespräche möglich.

Ich versuche, nicht formelhaft zu schreiben und zu sprechen; taste mich lieber an potentielle Dialogpartner heran, versuche Aufmerksamkeit und Interesse zu wecken ("attentum parere"; antike Rhetorik). Dazu verwende ich m. eigene Ausdrucksweise, bleibe teils im Allgemeinen, um nicht von vornherein jmd. sprachlich auszuschließen und taste mich dann schrittweise ans Konkrete heran.
À propos "konkret": Es gibt fast so viele Möglichkeiten, wie es Kirchensteuerzahler gibt. Ich versuche, im Gespräch zu erfassen, was einen Menschen bewegt, was ihn interessiert, was ihm Probleme bereitet, woran er leidet, aber auch, was ihm Freude bereitet.
Es kommt sehr darauf an, eine Atmosphäre des Vertrauens aufzubauen oder zu ermöglichen. Dazu ist es erforderlich, sich selbst als Person einzubringen, sich auch zu öffnen; ansonsten wäre die Begegnung sehr einseitig, und die Betroffenen werden sich auch verschließen. Das Ergebnis ist dann tatsächlich: eine Amtshandlung!!
Natürlich ist es nicht jedem Geistlichen gegeben sich zu öffnen, aber ein Mindestmaß müsste sein! Anläßlich eines Geburtstagsbesuches bei liebenswerten älteren Leuten hieße es sonst u.U.: "Schön, dass der Pfarrer auch mal (wieder) da war!"

Acht Jahre habe ich Soldaten (aller Dienstgrade und Altersgruppen) bei der Bundeswehr betreut und im Sinne der Erwachsenenbildung unterrichtet (auch daher rührt eine gewisse Vielseitigkeit, weil ich immer wieder neue Themen aus ganz unterschiedlichen Bereichen auswählte); damals gab es noch die allg. Wehrpflicht, die für einen regen Austausch zwischen den Militärs und der Zivilgesellschaft sorgte. Die mir anvertrauten Soldaten, ihre berufsspezifischen, aber auch "ganz normalen" (was oder wer ist eigentlich "normal"?!) Anliegen, das schon ganz eigene Terrain der Kasernen und der Übungsplätze in In- und Ausland war für diese Zeit "m. Gemeinde". Dort wurde menschliche, mitunter auch geistliche Gemeinschaft gelebt ... Und wir brauchten dafür keine kirchl. geprägten Formeln! Es herrschte - ganz selbstverständlich - Toleranz und große Offenheit; wir vermochten über alles zu sprechen. Konträre Auffassungen wurden vertreten; man stritt heftig - und blieb dabei lebendig! In einem frommen Kinderlied heißt es:

"Sei ein lebendger Fisch, schwimme doch gegen den Strom; auf und wag es frisch - Freude und Sieg ist dein Lohn. Nur die toten Fische schwimmen immer mit dem Strom, wollen in der großen Masse bleiben, haben weder Kraft noch Mut, was anderes zu tun".

Zur Zeit frage ich mich, ob das hartnäckige, fast sture Festhalten an der Formelsprache und an liebgewonnenen Begriffen und Inhalten (s. Apostolikum), also an bestimmten SPRACHFORMEN in den Kirchen u.a. daran liegt, dass sie einem tiefsitzenden, unbewussten Narzißmus Befriedigung verschaffen. (Sigmund Freuds Schrift: "Zukunft einer Illusion" streift das Problem m.W. nur.)

Übrigens, lieber Achim, lass uns künftig "auf Augenhöhe" diskutieren oder uns austauschen - als gleichberechtigte Menschen und Gesprächspartner; die Aufteilung (oder Dichotomie): Nichtthteologe - Theologe (daher: Trottologe) schafft u.U. Distanz oder Grenzen, die unnötig sind, solange wir uns beide als Suchende begreifen; ich werde jedenfalls gewissermaßen nie am Ziel sein - nicht jetzt mit diesem Körper noch später "in der anderen Dimension". Die stelle ich mir manchmal ganz naiv so vor, dass ich als reines "Geistwesen" durch die Galaxien surfe und über die Unendlichkeit und die wundervolle Schönheit überall staune. Vermutlich werden wir aber alle mehr oder weniger unsere verfluchte Überheblichkeit und Zerstörungswut beweinen, aber uns auch stolz aller Künste des Menschen erinnern und unser kleinliches Denken und Verhalten einander gegenüber belächeln.

Schalom (T.)

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