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eresin

#1 von eresin , 21.09.2015 18:59

Liebes David-Forum,

Ich schildere im Folgenden meine Situation mit der Bitte um Hilfe und Hinweise.

Ich arbeite seit etwas mehr als einem Jahr in Teilzeit in einer Kirchengemeinde im Osten Deutschlands. Die Gemeinde ist eine Fusionsgemeinde aus mehreren Teilen. Die Zusammengehörigkeit der Teile existiert meiner Ansicht nach leider nur auf dem Papier, was ich und meine Kollegen mitunter leidvoll zur Kenntnis nehmen müssen. Neben mir arbeiten mehrere weitere Angestellt in Teilzeit und Vollzeit.
Seit geraumer Zeit bemerke ich Veränderungen an mir selbst, die ich nicht für möglich gehalten habe. Dazu gehören extreme Stimmungsschwankungen, geringe Belastbarkeit ("nah am Wasser gebaut sein"), das Gefühl wie überfahren zu sein, geringe Stresstoleranz. Diese Dinge belasten zunehmend mein Familienleben. Ich habe mich gefragt, was die Ursache dafür sein könnte und habe für mich mein Arbeitsumfeld ausgemacht. Dies geschah vor allem dadurch, dass ich neben meiner Anstellung noch freiberuflich bin. Ich lebe momentan wie in zwei Welten: in der Freiberuflichkeit mit Teamwork, gemeinsamen Zielen und Anerkennung und in der Anstellung eine sehr frustierende Situation ohne all dies.
Mitunter habe ich in meiner Anstellung das Gefühl ohnmächtig oder unfähig zu sein. Viele der klassischen Kernaufgaben meines Berufsfeldes waren schon vor Stellenantritt langjährig in den Händen Ehrenamtlicher und sind diesen natürlich auch aus gemeindepädagogischen Gründen nicht zu nehmen. Es entsteht aber das Gefühl bei mir, dass ich das fünfte Rad am Wagen bin. Dazu kommen Probleme mit Kollegen.
Ich bin allerdings verunsichert: Woher kommen die Stresssymptome? Ist das Mobbing? Ist das nur ein rauer Ton unter den Kollegen? Aber vielleicht etwas genauer:
Besonders extrem sind die oben beschriebenen Symptome nach der wöchentlichen Dienstberatung. Manchmal brauche ich 2-3 Tage um mich von diesem Impact zu erholen.
Ich erlebe in den Dienstberatungen eine starke Führungslösigkeit seitens meiner Vorgesetzten, die offen zusehen, wenn sich Kollegen gegenseitig "anzicken". Solches bleibt immer unkommentiert. Es herrscht mitunter ein sehr abfälliger Ton, Kollegen fallen sich gegenseitig ins Wort, für Kommunikation herrscht keine Kultur. Ein Kollege, der bereits sehr lange in der Gemeinde tätig ist zeigt und sagt offen, dass er die Dienstberatung für sinnlos erachtet. Ich habe das Gefühl, von meinen Kollegen mit Fragen konfrontiert zu werden, die meine Arbeit in Frage stellen ("Findet denn Veranstaltung XY überhaupt statt?", "Was wird denn da geboten?"). Ich habe auch das Gefühl von meinen Kollegen mit Informationen versorgt zu werden, die Bereiche betreffen für die ich nicht zuständig bin oder mit Informationen deren sachlicher Inhalt für mich nicht zu erkennen ist: ("Ihr Vorgänger ist sehr enttäuscht, dass Sie Ihn jetzt ersetzt haben.."). Allerdings haben meine Kollegen eine große Unzuverlässigkeit mit meinem Vorgänger erlebt. Dinge, die für mich selbstverständlich zu meinen Tätigkeiten gehören und von mir erledigt werden, werden von dafür nicht zuständigen Kollegen erfragt als ob man sich darüber erst grundsätzlich Gedanken machen muss. Ich fühle mich immer wieder von Kollegen angegriffen, vor allem muss ich sagen, dass hier "der Ton die Musik macht" und manche Fragen so gestellt werden, dass ich das Gefühl habe :"jemand springt gleich mit einem Messer auf mich los". Es gibt auch Situationen in denen ich mich körperlich bedrängt fühle, etwa wenn Kollegen sich von hinten nähern und in einem sehr unangenehmen Ton sehr leise grüßen und ich dies erst sehr spät bemerke und erschrecke oder ähnliches.
Zum Punkte Führungslosigkeit in der Gemeinde: Von Seiten des Arbeitgebers kommen in den Dienstberatungen keine Vorgaben (keine Vision, kein Leitbild). Dies führt dazu, dass sich Kollegen mit und über ihre Privatmeinungen streiten. Aktuelle Themen, die von anderen Initiativen einfach angepackt werden (Flüchtlingshilfe z.B.) werden als angeblich nicht durchdacht wegdiskutiert. Im Arbeitsalltag gibt es einige strukturelle Probleme: ein gemeinsam geführter funktionierender Dienstkalender oder eine Jahresplanung gibt es nicht. Meine Versuche solche Dinge einzubringen werden meiner Meinung nach gestört, z.B. in dem von mir vorgeschlagene Schulungen zu solchen Themen als unnütz abgelehnt werden (von Kollegen): Mir erscheint es als würde ich bei meinen Kollegen da "neumodischer Quatsch aus dem Westen" einführen wollen. Es herrscht eine große Unzuverlässigkeit mit dem Arbeitgeber: Absprachen gelten am Ende nicht und führen zu Einbußen an der Qualität inhaltlicher Arbeit. Vereinbarte Honorare wurden mir wegen Schludrigkeiten nicht oder mit Verzug von 6 Monaten gezahlt.
Ich fühle mich in dieser Situation verständlicherweise nicht wohl und habe mich entschieden meine Stelle bald zu wechseln und suche bereits seit April '15 nach einer neuen Stelle. Glücklicherweise gibt es einige Perspektiven auch in absehbarer Zeit. Ich habe mich entschieden Beratung bei Menschen zu suchen, die sich mit dem Thema "Mobbing" beschäftigen. Auf der Suche nach Beratungsangeboten bin ich hier gelandet. Ich bin einfach noch unsicher, ob ich das erlebte als "Mobbing" sehen darf/muss oder ob es sich einfach um einen Gruppenkonflikt handelt, der seine Ursache in einer fehlenden Führung hat. Ich denke zu allem hinzu kommt auch ein Mentalitätsproblem. Ich stamme selbst aus dem Osten, bin auch so sozialisiert. Mein Studium und meine ersten Berufserfahrungen habe ich im Westen gemacht und bin nun zurück. Auf vorhergehenden Stellen war es für mich üblich, sich auf den Dienstberatungen gegenseitig aus dem eigenen Arbeitsalltag zu erzählen. Meine späte Erkenntnis ist, dass dies bei meinen jetzigen Kollegen als "monkey dance" wahrgenommen wird, also als würde ich dick auftragen und mich profilieren wollen, einfach weil sie es vielleicht nicht kennen, sich voneinander zu erzählen oder ehrlich zu sagen, was sie denken.

Nun bin ich dankbar für alle Hinweise, Tipps und Verhaltensanregungen!

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#2 von Achim , 23.09.2015 12:21

Lieber oder liebe Eresin,

sei bitte bei uns erst einmal herzlichst Willkommen! Und sei bitte nicht enttäuscht, dass Du bisher noch keine inhaltliche Stellungnahme von uns erhalten hast.

Nimm unser Zögern bitte nicht als Desinteresse wahr, ich bitte, es eher als Denkpause zu betrachten.

Wir alle müssen Deinen umfangreichen Bericht erst einmal verarbeiten und anschließend bewerten. Du verstehst?

Ich bitte Dich noch um etwas Geduld.

LG

Achim


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RE: eresin

#3 von wilfried , 25.09.2015 01:14

Hallo eresin,


herzlich willkommen hier.
Ich hätte da ein paar Fragen.

Wieviel Prozent einer Vollzeitstelle arbeitest Du hauptberuflich, wieviel nebenberuflich?
Bist Du Frau oder Mann? Und wie alt etwa?

Es erscheint mir schon bemerkenswert, wenn sich jemand so vielschichtig engagiert.
Das scheint mri reichlich Streßpotential zu bieten; zwei Beruflichkeiten.

Auch ich "verdaue" erst einmal und wünsche Dir Kraft.

Freundliche Grüße
Wilfried


 
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#4 von Joringel , 25.09.2015 17:15

Lieber oder liebe Eresin,

zunächst einmal möchte ich Dir sagen, dass Du eine sehr differenzierte Schilderung Deiner Situation gegeben hast. Daher neige ich dazu zu sagen, dass Du Deinen Beobachtungen an Dir selbst und Deinen Gefühlen ruhig vertrauen kannst. Alles in allem wirkt die Beschreibung Deines Arbeitsplatzes und Deines Umfeldes sehr trist. Die Tristesse fokussiert sich in der Dienstbesprechung - mangelnde Führungsqualität, kein gemeinsames Ziel, tendenzielle Abwertung von neuen Ideen, Festhalten am unteren Mittelmaß. Wenn ich es mit einem Satz sagen sollte, würde ich sagen: Schein-Austausch der Gleichgültigen. Du weißt, dass Du mehr kannst und fühlst Dich hier weder gefordert im Sinne von Aufgaben sinnvoll erfüllen können, noch im Sinne von Dazulernen noch geliebt im Sinne von Wertschätzung. Deshalb meine Einschätzung, wenn es andere Chancen gibt, wo Du dich wirklich engagiert und kompetent einbringen kannst, dann würde ich auch gehen.
Ob das nun schon Mobbing ist, vermag ich nicht zu sagen. Mobbing verstehe ich eher so, dass eine Gruppe sich durch Neid und Hass auf eine einzelne Person definiert und das Ziel verfolgt, das Opfer vorzuführen und später gänzlich in den Boden zu stampfen. Hier lese ich zwischen den Zeilen, dass die einzelnen Teilgebiete, die eine Arbeitseinheit bilden sollen, kein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt haben. Es ist kein Gruppen-Wir entstanden, wie Du ja anschaulich beschreibst. Möglicherweise sind alle in einer latenten Situation der Unsicherheit und versuchen sich dadurch zu profilieren, dass sie die Beiträge anderer abwerten, damit sie selbst besser wahrgenommen werden.
Schade eigentlich, eine gute Gruppe kann viel bewirken. Aber sie beruht auf gegenseitiger Inspiration und zuverlässigem Handeln. Wenn dieser Kit fehlt, dann....
Es grüßt Dich
Joringel


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#5 von eresin , 25.09.2015 23:24

Hallo zusammen,

danke für eure Rückmeldungen und kurz zur weiteren Klärung: Ich bin männlich, Anfang 30 und arbeite zu 50% in einer Kirchengemeinde.

@Joringel: deine Beschreibung trifft es sehr genau. Der Grund warum ich mich entschieden habe zu gehen, war eben dass ich diese schlimme Gleichgültigkeit oder dieses Festhalten am bequemen unteren Mittelmaß zuvor nicht kennen gelernt habe und in der Freiberuflichkeit die Situation gänzlich anders ist. Ich kann gar nicht verstehen, woher die allgemeine Bequemlichkeit kommt. Ich denke das fehlende Gruppen-Wir hat seine Ursache in der Chef-Etage. Ich glaube zum "Chef-Sein" gehört, dass man seinen Kollegen und Angestellten eine klare Vision und einen Identifikationsplatz gibt. Euer Zuspruch hat mir in jedem Fall gut getan, wenn man allein an einer Stelle ist, denkt man schnell, man ist selber der Dumme.

Grüße, eresin

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#6 von azalee , 26.09.2015 12:26

Lieber eresin,
ich möchte Dir kurz mitteilen, was bei mir aus Deiner Beschreibung angekommen ist: da besteht ein geschaffenes Gemeindekonstrukt, was Du FUSIONSGEMEINDE" nennst , bestehend aus verschiedenen Teilen. Da wurden also Gemeinden geteilt, um dann da und dort angeschlossen zu werden. Wie auch : der stete Abbau (Abwicklung von Pfarrstellen) seit Anfang der 9o-er Jahre geschieht aufgrund der drastisch gesunkenen Mitgliederzahlen. Und demzufolge wird munter "zusammengelegt ".- der Kreiskirchenrat beschließt, die Synode segnet ab. Werden die entsprechend Gemeinden , der Pfarrer/ die Pfrin in Gesprächen darauf vorbereitet Nicht selten wird Ihnen die Zusammenlegung uns die Abwicklung irgendwie mal mitgeteilt. Dann geschieht auch das, dass Gemeinden erst hier, dann einige Jahre später dort mal angegliedert werden- es entsteht Unmut, Unzufriedenheit. Die Mitarbeiter erhalten wieder eine neue Dienstbeschreibung... Ich habe aus Deiner Beschreibung das Gefühl , Deine Kollegen haben "die Nase voll," sie sind höchst unzufrieden mit der Situation. Sollen sie sich beschweren? Aus Erfahrung nützt das nichts- außerdem werden auch etliche Mitarbeiter von Exixtenzangst beherrscht. Es kommt ja auch Druck "von oben" , Vorgaben kommen- Kirche als "Durchstellsystem" aber leider ohne klare Leitbilder. Momentan geht alles auf 2017 zu! Also wird "gearbeitet " - wer weiß, wann die nächste Zusammenlegung kommt. Ja, es ist Gleichgültigkeit. Ältere Kollegen warten innerlich sehnsüchtig auf ihren Ruhestand. Und in solch einem Team , wo Du es beschreibst, spielen auch immer persönliche Animositäten eine Rolle- .
Eigentlich wäre eine Teamsupervision ( mit geeignetem Supervisor/in) gar nicht schlecht- aber: das setzt Bereitschaft und Ehrlichkeit voraus!
die Bischöfin der EKM hat 2014 in einem VELKD BEitrag "Umbau statt Rückbau" folgendes empfohlen aus Kenntnis der kirchlichen Gesamtsituation: 1. Trauerprozeß , 2. jeder / jede soll an seinem/ ihrem Ort( so arbeiten , wie er / sie die Gegebenheiten vorfindet mit Fantasie möglichst - sie nennt da auch Beispiele für gelungene Arbeit ( manche meinten aus diesem Beitrag zu erkennen: nun ist die Kirche am Ende, sie weiß nicht mehr weiter, machen wir eben, was wir für richtig halten,...) Und dann die "Führungsqualitäten.. der "Chefs.". Manche haben direkt Angst, dass ihnen Widerspruch oder Widerstand entgegentritt...
Und was erwarten die Gemeindeglieder vom Pfarrer/ in , von den kirchlichen Mitarbeitern?
Viele Grüße
azalee


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RE: eresin

#7 von Achim , 26.09.2015 16:11

Lieber Eresin, liebe Azalee, lieber Joringel und all´Ihr anderen Mitleser,

eine Deiner Fragen, lieber Eresin, lautete, ob wir es hier in Deinem Fall mit Mobbing zu tun haben. Ich greife hierzu nachfolgend auf einen Text zurück, den ich zu diesem Thema aus anderem Anlass verfasst habe:

"Das Bundesarbeitsgericht hat bereits in seinem Beschluß vom 15.01.1997 ausgeführt:

Mobbing ist das systematische Anfeinden, Schikanieren oder
Diskriminieren von Arbeitnehmern untereinander oder durch
Vorgesetzte. Es wird begünstigt durch Streßsituationen am
Arbeitsplatz, deren Ursachen u.a. in einer Über- oder
Unterforderung einzelner Arbeitnehmer oder Arbeitnehmer-
gruppen, in der Arbeitsorganisation oder im Verhalten von
Vorgesetzten liegen können.

Es machte sich damit die Definition der herrschenden juristischen Literatur zu
eigen. (Grundewald, NZA 1993, 1071; Haller/Koch, NZA 1995, 356;
Bieler/Heilmann, ArbuR 1996, 430, 431)

Nach arbeitspsychiologischen Erkenntnissen können Mobbinghandlungen in fünf
Kategorien eingeteilt werden. Hierzu gehören 1. Eingriffe auf die Möglichkeit,
sich mitzuteilen; 2. Angriffe auf die sozialen Beziehungen; 3. Angriffe auf das
soziale Ansehen; 4. Angriffe auf die Berufs- und Lebenssituation; 5. Eingriffe
auf die Gesundheit.

Bei der Beurteilung ob Mobbing vorliegt, werden durch Arbeitspsychologen und
Arbeitsmediziner die von Professor Leymann herausgearbeiteten 45 Fragen für
Mobbinghandlungen herangezogen. Diese 45 Fragen lauten wie folgt, wobei die
einzelnen Fragen den fünf Kategorien von Mobbinghandlungen bereits zugeordnet
sind:

1. Angriffe auf die Möglichkeiten sich mitzuteilen
1 Der Vorgesetzte schränkt die Möglichkeiten ein, sich zu äußern
2 Man wird ständig unterbrochen
3 Kollegen schränken die Möglichkeiten ein, sich zu äußern
4 Anschreien oder lautes Schimpfen
5 Ständige Kritik an der Arbeit
6 Ständige Kritik am Privatleben
7 Telefonterror
8 Mündliche Drohungen
9 Schriftliche Drohungen
10 Kontaktverweigerung durch abwertende Blicke und Gesten
11 Kontaktverweigerung durch Andeutungen, ohne daß man etwas direkt ausspricht

2. Angriffe auf die sozialen Beziehungen
12 Man spricht nicht mehr mit dem/der Betroffenen
13 Man läßt sich nicht ansprechen
14 Versetzungen in einen Raum weitab von den Kollegen
15 Den Arbeitskollegen wird verboten, den Betroffenen anzusprechen
16 Man wird wie >>Luft<< behandelt

3. Angriffe auf das soziale Ansehen
17 Hinter de Rücken des Betroffenen wird schlecht über ihn gesprochen
18 Man verbreitet Gerüchte
19 Man macht jemanden lächerlich
20 Man verdächtigt jemanden, psychisch krank zu sein
21 Man will jemanden zu einer psychatrischen Untersuchung zwingen
22 Man macht sich über eine Behinderung lustig
23 Man imitiert den Gang, die Stimme oder Gesten, um jemanden lächerlich zu
machen
24 Man greift die politische oder religiöse Einstellung an
25 Man macht sich über das Privatleben lustig
26 Man macht sich über die Nationalität lustig
27 Man zwingt jemanden, Arbeiten auszuführen, die sein Selbstbewußtsein
verletzen

28 Man beurteilt den Arbeitsplatz in falscher oder kränkender Weise
29 Man stellt die Entscheidungen des Betroffenen in Frage
30 Man ruft ihm obszöne Schimpfworte oder andere entwürdigende Ausdrücke nach
31 Sexuelle Annäherungen oder verbale sexuelle Angebote

4. Angriffe auf die Qualität der Berufs- und Lebenssituation
32 Man weist den Betroffenen keine Arbeitsaufgaben zu
33 Man nimmt ihm jede Beschäftigung am Arbeitsplatz, so daß er sich nicht
einmal selbst Aufgaben ausdenken kann
34 Man gibt ihm sinnlose Arbeitsaufgaben
35 Man gibt ihm Aufgaben unter seinem eigentlichen Können
36 Man gibt ihm ständig neue Arbeitsaufgaben
37 Man gibt ihm >>kränkende<< Arbeitsaufgaben
38 Man gibt ihm Arbeitsaufgaben, die seine Qualifikationen übersteigen, um ihn
zu diskreditieren

5. Angriffe auf die Gesundheit
39 Zwang zu gesundheitsschädlichen Arbeiten
40 Androhungen körperlicher Gewalt
41 Anwendung körperlicher Gewalt
41 Anwendung leichter Gewalt, zum Beispiel um jemanden einen >>Denkzettel<<
zu verpassen
42 Körperliche Misshandlungen
43 Man verursacht Kosten für den Betroffenen, um ihm zu schaden
44 Man richtet physischen Schaden im Heim oder am Arbeitsplatz des Betroffenen
an
45 Sexuelle Handgreiflichkeiten"


Soviel zur theoretischen Ausgangslage, deren Darstellung Dir in Deiner konkreten Situation sicher nicht wirklich hilft und Dir wahrscheinlich durch eigenes googeln schon bekannt sein dürfte. Für die Frage, ob wir es vorliegend mit Mobbing (im juristischen Sinn) zu tun haben, wird es entscheidend darauf ankommen, ob Du systematisch[/b] ausgegrenzt wirst, gemessen an einem oder mehreren der 45 Kriterien, die Leymann (s.o.) systematisiert hat.

Du beklagst mangelnde Führungskompetenz Deiner Vorgesetzten und fehlende Akzeptanz Deiner Vorschläge im Kollegenkreis, der Dir unterstellt, dass Du "westliche" Methoden einführen möchtest? Als ich das gelesen hatte, dachte ich zunächst an einen überwunden geglaubten Ossi/Wessi-Konflikt, bis ich dann las, dass Du ein "Ossi" bist, der seine Ausbildung allerdings im "Westen" absolviert hat.

Nun ja, lieber Eresin,

dass Deine berufliche Situation ( zurückhaltend ausgedrückt ) unbefriedigend ( wenn nicht gar unerträglich ) und konfliktbeladen ist und sogar zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen geführt hat, haben wir alle verstanden.

Bleibt dass Problem, ob wir es vorliegend mit "echtem" Mobbing zu tun haben (also systematischer Ausgrenzung ) oder "nur" mit Unvermögen Deiner Vorgesetzten, bzw. möglicherweise(unbeabsichtigten?) Kränkungen durch Deine Mitstreiter/Kollegen.

Wie dem auch sei, Mobbing oder kein Mobbing, der Konflikt ist vorhanden und bedarf der Bearbeitung. Und da bin ich ganz beim Vorschlag unserer Azalee.

Will nur sagen: das Problem ist vorhanden. Ob wir es Mobbing nennen oder auch nicht:

Und dann möchte ich noch anfügen:

Selbstverständlich kann man seinen Arbeitgeber theoretisch des Mobbings schelten und theoretisch daraus resultierende Schadensersatzansprüche herleiten, was in der Praxis allerdings bisher selten gelungen ist.

Nach alledem, lieber Eresin, liebe Mitleser,

möchte ich eher empfehlen, alle aufgestauten Unzulänglichkeiten in einer "geballten Ladung" detailliert den Vorgesetzen zu übermitteln verbunden mit dem Vorschlag, unserer Azalee, eine Supervision, evtl. Mediation durchzuführen.

Will sagen, lieber Eresin, liebe Mitleser,

nach meinem Verständnis und nach meiner Erfahrung kommt es wenig darauf an, ob wir die Ursache des Konflikts mit dem Etikett "Mobbing" versehen.

Konfrontieren wir einen mobbenden Arbeitgeber mit dem Vorwurf des "Mobbings", erhalten wir postwendend die empörte Antwort, dass selbstverständlich kein Fall des Mobbings vorliege.

Dein Fall, lieber Eresin,

liegt nicht ganz einfach. Magst Du vielleicht im November zu unserem Jahrestreffen in Eisenach zu uns stoßen? Wir könnten uns dann dort persönlich austauschen.

LG

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RE: eresin

#8 von eresin , 26.09.2015 20:51

Hallo zurück,

ich habe aus euren Antworten mitgenommen:

Egal, ob man es nun Mobbing nennt oder nicht: wenn du Situation unbefriedigend/einschränkend ist bedarf es einer Veränderung.

Das sehe ich selbst auch so, deswegen auch mein Entschluss zu gehen, mit wahrscheinlich relativ baldigem Verzug. Ich bin einfach so überwältigt, dass ich solche Dinge mal auf einer Stelle erlebe, auch wenn sie wohl häufig und menschlich sind. Einige der von Achim genannten Kriterien finde ich auch in meinem Arbeitsalltag: abfälliges Verhalten, ständiges Unterbrechen, Versuche mich in eine Rechtfertigungsposition zu zwingen. Auch Versuche mich aus meiner Arbeit zu verdrängen kenne ich. Dies auch mit einer gewissen Systematik. In einem auf der DAVID-Seite verlinktem Interview/Radiotranskript habe ich gelesen, dass problematische Prozesse im Arbeitsumfeld sich mitunter über Jahre hinziehen und aufbauschen, vielleicht ist das alles auch erst der Anfang. Aber ihr habt recht und im Grunde ist es mir auch egal ob es für diese Erfahrungen das Etikett "Mobbing" braucht. Ich bin mir so oder so sicher, dass ich verändern will.

Einige Dinge möchte ich noch näher erklären:

Eine Supervision hat bereits ohne Ergebnis vor meiner Anstellungszeit stattgefunden. Eine in meiner Anstellungszeit liegende Visitation durch die Kirchenleitung wird in ihren Empfehlungen von der Gemeindeleitung ignoriert.
Die Gemeinde ist kein bunt zusammengewürfelter Haufen, keine Zwangsfusion, sondern in einem Dorf sind drei ehemals eigenständige Gemeinden in einem Verbund zusammengeschlossen worden, dann später zu einer Gemeinde gemacht worden. Es gibt einen regionalen Bezug und die Angestellten verrichten ihre Dienste in allen drei Teilen. Es fehlt mir an der übergeordneten Vision, an einem Leitbild. Das führt dazu, dass man bei Aquisetätigkeiten nie die gesamte Gemeinde ansprechen kann, sondern immer nur einen Teil. Und in der Tat ist es so, dass ich das Gefühl habe, dass bei den Pastoren mind. einer sehnlich auf seinen Ruhestand wartet.
Das ist für mich allerdings eine ziemlich schlechte Haltung, wenn man qua Funktion Dienstherr und verantwortlich für mehrere Angestellte ist. In einigen Unternehmen gehört es ja zur Betriebskultur, dass Manager so Mitte 50 anfangen ihre Nachfolger einzuarbeiten um dann den Staffelstab weiterzugeben. Vielleicht wäre das eine alternative Handlungsweise um diejenigen zu entlasten die nicht mehr wollen.

Die Gemeindegliederzahlen sind durch Zuzug stabil, die Gemeinde ist wirtschaftlich gut aufgestellt.

Ich weiss, dass dieser Ost-Westvergleich kein guter Stil ist. Egal ob Ost oder West: Eine Kirche, die sich nach außen abschottet ist ein sinkendes Schiff. Mein Gefühl ist dass sich im Osten die Erfahrung in den Kirchengemeinden eingeprägt hat, dass man nicht öffentlich sagen darf, was man denkt, dass man sich abschotten muss usw. Und das ist heute vielleicht noch in den Köpfen drin. Ich kenne viele Menschen die aufgrund religiösen Engagements in der DDR benachteiligt wurden, ich habe auch Verständnis dafür.

Speziell zu den von dir, azalee, geschilderten Dingen: Ich kenne diese Problematik der Perspektivlosigkeit und entmutigung natürlich sehr gut, weil ich nunmehr seit über 15 Jahren in Kirchengemeinden arbeite. Und ich glaube diese vermeintlich trostlose Situation wo viele Angst haben, es wird immer weniger usw. was ja auch in Zahlen messbar ist, ich glaube, dass diese Situation längst der Punkt ist, bei dem wir neue Wege gehen müssen. Und glücklicherweise gibt es dafür auch mutmachende Beispiele.

An einem Besuch auf der Jahrestagung habe ich Interesse. Wie Wann und Wo soll sie stattfinden? Wie hoch wären die Kosten?

Grüße, eresin


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RE: eresin

#9 von eresin , 26.09.2015 23:45

Habe den Flyer auf der HP gefunden!!

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RE: eresin

#10 von Achim , 27.09.2015 13:26

Lieber Eresin,

dann vertagen wir uns auf den November in Eisenach?

LG

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RE: eresin

#11 von Joringel , 28.09.2015 10:21

Lieber Eresin,
ich teile Deine Ansichten bezüglich der Perspektivlosigkeit. Sie hat sicher viele Ursachen. Eine der Hauptursachen ist für mich die gegenwärtige Struktur der Evangelischen Kirche. Sie hat eine Apparatschik-Mentalität, die nur noch auf Bestandserhaltung ausgerichtet ist und in der die Kontaktpersonen zu den Menschen, die Pastorinnen und Pastoren, Gemeindepädagogen etc. nur wie Marionetten an Strippen geführt werden. Das einzige Kriterium des Nachdenkens und der Analyse bleibt das der finanziellen Effizienz. Ein Beispiel: Eine starke Gemeinde hat einen Pastor speziell für die Jugendarbeit. Seine Stelle wird zunächst auf die Hälfte, dann auf ein Viertel gekürzt. Die andere Zeit muss er sukzessiv mehr als Krankenhaus-Seelsorger arbeiten. Was kann man mit einer Viertelstelle Jugendarbeit machen? Jedenfalls nichts Sinnvolles. Die Gemeinde trennt sich von dem Pastor und stellt auf eigene Kosten einen speziell theologisch und pädagogisch ausgebildeten Jugendbetreuer ein. Jeden Monat muss die Gemeinde das Geld dafür zusammen bringen. Eine wirklich schwere Aufgabe. Aber - nach der Konfirmandenzeit halten sich viele Jugendliche weiter zur Gemeinde und bringen sich selbst aktiv ein. Das ist einmalig in meiner Stadt.
Ein anderes Beispiel. Manche Menschen vermachen ihr Haus nach ihrem Ableben der Gemeinde. Doch wer bekommt es? Die Landeskirche. Wenn Du heute für ein soziales Projekt Geld spendest, erhälst Du binnen kurzer Zeit auch ein Dankeschön und eine Bericht, was alles gemacht wurde und was weiter geplant ist. Bekommen die Gemeinden eine Rückmeldung, was dem Wert des Testamentes geworden ist? Welches Projekt in dieser Gemeinde gefördert oder gestützt wurde sozusagen im ideellen Ausgleich? Nein. Schon die Frage danach wird wie eine Gotteslästerung behandelt.
Die Kirche zeigte ihren Anhängern lange die kalte Schulter. Nun ist es umgekehrt, nun rennen die Menschen weg, weil sie für sie vielfach nur ein totes Gemäuer ist.
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RE: eresin

#12 von eresin , 28.09.2015 21:08

@ achim: ja gern auf der Jahrestagung. Eine Anmeldung ist demnach noch möglich? Ist es auch möglich nur für einen Tag dazu zu kommen? Grüße, eresin

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RE: eresin

#13 von Achim , 30.09.2015 11:46

Lieber Eresin,

natürlich! Wir würden uns freuen! Könnte nur sein, dass wir dann keine ausreichende Zeit finden, uns mit Deiner Situation intensiv zu beschäftigen. Aber immerhin: Du könntest uns und wir Dich persönlich kennenlernen. Und der Vortrag unserer Referentin dürfte uns alle weiterbringen.

Wir freuen uns auf Deine Teilnahme ( am Samstag ) !

Zu den Kosten:

darüber haben wir uns für Eintagesteilnehmer noch keine Gedanken gemacht. Wenn Du (nur) am Sonnabend teilnehmen würdest, was ich empfehlen möchte, wenn Du nur an einem Tag teilnehmen möchtest, würden wir Dich an der Tagungsgebühr des Hotels für Getränke, etc. und an dem Honorar für die Referentin mit einem Pauschalbetrag von max. 30,00 € beteiligen wollen. Falls das ein Problem werden sollte, schreib´ mir bitte eine private Mail (PN, siehe ganz oben: Private Mails). Ich denke, dass wir auch für diesen Fall eine Lösung anbieten können.

LG

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RE: eresin

#14 von Achim , 01.10.2015 13:17

Lieber Wilfried,

unser Eresin trägt sich ja nun mit dem Gedanken, an unserem Jahrestreffen in Eisenach teilzunehmen.

Wie sieht es aber mit Dir, lieber Wilfried aus?

Wenn ich mich recht erinnere, hatten wir uns ja in Halberstadt nur knapp verpasst? Wollen wir uns nicht in Eisenach persönlich kennenlernen wollen?

LG

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RE: eresin

#15 von Robin , 01.10.2015 21:19

Auch ich mische mich kurz noch ein. Insgesamt würde ich antworten wie Azalee und Joringel zuletzt. Ton und Umgang der Mitarbeitenden spiegeln meiner Ansicht nach die Stimmung in den Kirchen seit den sog. "Strukturreformen". Da gibt es keinen inhaltlichen Austausch mehr, keine geistliche Ausrichtung, keine Vision. Es geht nur noch um Abbruch, und wie man seine Berufszeit irgendwie zu Ende bekommt. Das war einmal in den Ostkirchen, so wie ich sie aus dem Westen vor der Wende wahrgenommen habe, ganz anders. Ich habe aus Deinen Schilderungen, lieber Eresin, nicht den Eindruck gewonnen, dass diese unfreundliche und abfällige Umgangsart ganz gezielt gegen Dich gerichtet war. Sie scheint in dem dortigen Klüngel der Normalton. Dein Wechsel ist sicher sehr richtig.
Was unsere Tagung in Eisenach betrifft, möchte ich der Antwort Achims hinzufügen, dass Zeit für persönliche Gespräche mit Vorstandsmitgliedern eigentlich nur am Freitag Abend und dann auch am Samstag Abend sein wird. Wähle nach dem, was für Dich im Vordergrund steht.
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zuletzt bearbeitet 01.10.2015 | Top

   

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