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Gustav Landauer

#1 von Joringel , 30.01.2015 16:33

Als ich heute zur Arbeit fuhr, wurde ich durch einen Rundfunkbeitrag auf Gustav Landauer, einen Vertreter des Anarchismus aufmerksam gemacht. Gustav Landauer war u.a. auch mit Martin Buber befreundet. Er hat viel Literatur übersetzt und selbst Essays geschrieben. Er kritisierte die Ideen Karl Marx als zu theoretisch, zu weit entfernt von der Natur des Menschen und sagte im Fall ihrer Umsetzung den Totalitarismus voraus. Zum Schmunzeln ist seine (ironische) Begründung: Karl Marx schaute in den Dampf (gemeint ist die Industrialisierung die mit der Dampfmaschine begann), also, er schaute in den Dampf und sah auch nur Dampf und entwickelte dann seinen Marxismus.
Landauer selbst war Pazifist und strebte nach einem solidarischen Leben in Gemeinschaft ohne dass man seine Individualität aufgeben müsse. Sein Anarchismus war nicht agressiv, was wir vielleicht heute vermuten. Seine gesammelten Werke liegen nun wohl erstmals vor. Erschreckend war sein Ende: Mitgefangene berichteten, dass sie bei einem Rundgang im Gefängnishof von Stadelheim 1919 beobachteten, wie ein Wärter (?) mit Gewehrkolben auf ihn einschlug. Dann sagte er zu den Umstehenden "Schaut mal weg" und schoss ihm in den Kopf. Auf danach lebte Gustav Landauer noch, sodass noch ein zweiter Schuss fiel. Als er dann immer noch zuckte, erledigte der Täter den Rest mit seinen Stiefeln. Der Täter wurde nie verurteilt.

Die Mensch Gustav Landauer ist eine Person der deutschen Geistesgeschichte, die mir noch nie wirklich begegnet ist. Ich fand den Rundfunkbeitrag sehr interessant. Aber ich dachte auch, wie viel wir uns auf unsere Zivilisation einbilden und wie brutal mit Menschen umgegangen wird, sobald sie nicht im Schutz der Öffentlichkeit stehen. Auch wenn Landauer letztendlich den "Staat" abschaffen wollte (und welchen autoritätsbesoffenen Staat hatte er nicht kennengelernt!), so wurde er auch nie rehabilitiert. Ein Gedenkstein für ihn wurde auf Beschluss des Münchner Stadtrates zur damaligen Zeit von den Nazis zerstört. Dieses Unrecht wurde auch nie wieder gut gemacht. Es hörte sich so an, als er habe er viele gute Gedanken gehabt. Aber das Etikett "Anarchismus" bedeutete wohl auch, dass er nie differenziert wahrgenommen wurde. Unter Wikipedia kann man sich schon einmal ganz gut informieren. Wenn Mobbing sozialer Mord ist, dann wurde Landauer zweimal ermordet - einmal physisch und danach als Jemand, der eine Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse durch nicht konforme Gedanken anstrebte.
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zuletzt bearbeitet 30.01.2015 | Top

RE: Gustav Landauer

#2 von turmfalke , 03.02.2015 12:51

Lieber Joringel!

Ich kannte den Namen auch nicht. Die Geschichte ist sehr bewegend. Es lohnt isch den Namen im Internet aufzurufen, da findet man weit mehr als im Brockhaus. Er war offensichtlich ein Freigeist und selbstständig denkender Visionär, der an den damals herschenden Machtkonstellationen gescheitert ist. Bezeichnend ist das sein Mörder ein Rechter Freischärler war aus der Gruppe, die 1919 die Münchener Räterepublik mit Waffengewalt aufgelöst hat. Da half es ihm auch nicht, dass er sich schon zwei Wochen vorher selber wieder von der kommunistisch bestimmten Räterepublik losgesagt hatte, weil die gewaltbereit war wie das Kaiserreich vorher auch. Und dass er nachher totgeschwiegen worden ist, mag auch daran liegen, dass er Jude war. Der Antisemitismus zog sich schon damals durch die verschiedensten gesellschaftlichen Stömungen. Was haben wir in Deutschland doch für eine schwer zu ertragende Geschichte!!!

Man muss ihm philosophisch nicht in allen Punkten zustimmen, um in zu sehen als ein Vorbild, der uns dazu anleitet, eigenständig nachzudenken und dann mutig für die eigene Überzeugung einzutreten. Wer sich für diesen Weg entscheidet, sollte aber wissen, dass das kein bequemer Weg wird.

Ich möchte dennoch weiter gehen auf dem einmal eingeschlagenen Pfad. Das ist besser als seine Seele zu verkaufen.

Viele Grüße vom Turmfalken


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RE: Gustav Landauer

#3 von Joringel , 03.02.2015 14:19

Lieber Turmfalke,

danke, dass Du dich mit Gustav Landauer beschäftigt hast. Es tut immer gut, wenn man sich verstanden fühlt. Mit Sicherheit hängt die Rezeptionsgeschichte damit zusammen, dass er Jude war wie Walther Rathenau auch. Wir wackeren Nachkriegs- und Wirtschaftswunderdeutschen denken nicht an solche Typen, auch nicht, um sie zu rehabilitieren. Es muss damals, also vor dem ersten Weltkrieg, von Tolstoj ausgehend eine internationale Debatte über Gewaltfreiheit und die Bedeutung der Bergpredigt gegeben haben. Auch Landauer, der ja auch mit Martin Buber befreundet war, war wohl von Tolstoj inspiriert und später Gandhi und viel später Bonhoeffer. Das ist ein gedankliches Milieu gewesen, das in unseren Denk- und Ausbildungsschubladen wohl noch gar nicht wirklich angekommen ist. Aber wir sollten Sensoren dafür haben, denke ich.
Herzliche Grüße
Joringel


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